Sonntag, 29. Juli 2012
Olympia – früher war’s schöner…
QuENgelberts Glosse
Nun laufen sie wieder und unternehmen auch sonst alle möglichen Anstrengungen, um dem Motto „höher, schneller, weiter“ gerecht zu werden: Gestern haben die Spiele der 30. Olympiade in London offiziell begonnen und werden bis zum 12. August die Sportfans in aller Welt in ihren Bann ziehen. Doch Traditionalist QuENgelbert winkt ab – für ihn ist Olympia längst nicht mehr das, was es mal war.
Blicken wir doch nur mal zurück auf 1908, als die Spiele erstmals in der britischen Hauptstadt ausgetragen wurden. Schon die Dauer lässt erkennen, dass das damals noch eine stolze Veranstaltung war: Vom 27. April bis zum 31. Oktober maßen sich die Athleten seinerzeit in insgesamt 110 Wettbewerben, während Olympia heute auf lächerliche zweieinhalb Wochen eingedampft ist.
Aber auch die Sportarten selbst fielen irgendwie zünftiger aus. Zum Tauziehen etwa traten fünf Mannschaften an und lieferten sich heiße Duelle. Gleich drei Teams rekrutierten sich aus britischen Polizisten, während bei den USA unter anderem Kugelstoß-Olympiasieger Ralph Rose und Hammerwurf-Champion John Flanagan Hand anlegten. Ihre Hoffnungen auf den Sieg erfüllten sich jedoch nicht, denn die Engländer – very tricky – traten in Schuhen mit Nägeln an, was den „Bobbies“ die rechte Standfestigkeit verlieh. Da halfen auch alle Proteste nix – die Jury, praktischerweise nur aus Briten bestehend, argumentierte, dass diese Schuhe zur üblichen Dienstbekleidung gehörten und wies den Protest ab. So zogen sich die Amis beleidigt zurück, und die Londoner Ordnungshüter holten sich „Gold“ – die Medaillenvergabe erfolgte 1908 übrigens erstmals in der noch heute bekannten Form.
Auch in anderen, mittlerweile eher harmlosen Disziplinen, ging es seinerzeit noch rustikaler ab: Im Finale des 400-Meter-Laufs etwa drängelte der US-Amerikaner John Carpenter auf der Zielgeraden den Briten Wyndham Halswelle von der Bahn, was nach amerikanischen Regeln durchaus erlaubt war, nach britischen Regeln jedoch strengstens verboten. Klar, dass die englischen Regelrichter Carpenter mit Vergnügen disqualifizierten. Das Finale wurde wiederholt, und dem Zwischenfall verdanken wir die heute üblichen Laufbahnmarkierungen, die für die Neuansetzung erstmals aufgebracht wurden. Nie waren sie allerdings überflüssiger als bei ihrem Debüt: Weil die verbliebenen beiden Konkurrenten Halswelles, William Robbins und John Taylor aus den USA, aus Solidarität mit Carpenter auf den Start verzichteten, konnte es der Engländer im Endlauf gemütlich angehen lassen – niemand machte ihm seinen Sieg mehr streitig.
Andere Disziplinen fielen leider schon 1908 dem unsäglichen Modernisierungswahn zum Opfer. Das Tonnenspringen etwa, 1904 in St. Louis noch einer der Knaller, fehlte 1908 ebenso auf dem Wettkampfzettel wie das Sackhüpfen, das die Sportsfreunde vier Jahre zuvor bei den so genannten „Westernspielen“ ebenfalls in Verzückung versetzt hatte. Scharf geschossen wurde zu Uropas Zeiten auch: 1906 wurde sich bei den „Zwischenspielen“ in Athen mit der Pistole duelliert. Freilich schoss man damals nicht auf seinen Nebenmann, sondern auf menschenähnlich gekleidete Schaufensterpuppen mit Zielscheiben auf der Brust. Weniger glimpflich ging’s beim Taubenschießen der Olympiade von 1900 zu – da wurde tatsächlich auf echte Vögel geschossen. Hunderte der Tiere wurden in Paris freigelassen und zum Abschuss freigegeben. Für ein solches olympisches Gemetzel wäre man heute wohl in mancher taubengeplagten Großstadt dankbar
Fazit: Olympia ist längst nicht mehr das, was es mal war. Doch es gibt Hoffnung: Ein Komitee zur Wiedereinführung des Tonnenspringens als olympische Disziplin kämpft unermüdlich für sein Ziel und verdient unser aller Unterstützung. Es besteht aus den Vereinen Tonnenspringer Villingen und Tonnenspringen Freunde Stuttgart sowie dem Dachverband Deutscher Tonnenspringer mit Sitz in Pforzheim. Und aus Deutschlands Obersänger Gotthilf Fischer, der sich als Ehrenmitglied des Komitees an die Spitze der Bewegung und in den Dienst der ehrenwerten Sache gestellt hat.
Beste Aussichten also dafür, dass es schon 2016 in Rio de Janeiro nicht mehr so fad zugeht wie in den nächsten beiden Wochen in London …








