Kein Heim, sondern ein kleines Daheim

WG für Intensivpatienten in Reh

Ein geschmackvoller Neubau am Hasselbach 42 wird das neue Zuhause einer Wohngemeinschaft für Intensiv- und Beatmungspflege in Hohenlimburg-Reh. Bohumil Holas, Pflegedienstleiterin Katja Quasdorf und Prokurist Philipp Holas eröffneten die Wohngemeinschaft am Freitag. (Foto: A. Schneider)

Hohenlimburg. (as) Er ist ein Mann der Tat. Er zaudert nicht lange, wenn er helfen kann. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, als Bohumil Holas die erste Wohngemeinschaft für Intensivpflege und beatmungspflichtige Patienten eröffnete – in Haßley. Nur ein Jahr später zogen die ersten beatmungspflichtigen Mieter in die zweite Wohngemeinschaft – diesmal in Eckesey – ein. Zeit, sich auf Erreichtem auszuruhen, nahm sich Bohumil Holas nicht: Am gestrigen Freitag, 31. August 2012, eröffnete der Mann, der über 25 Jahre Erfahrung im ambulanten Pflegedienst gesammelt hat, die dritte Wohngemeinschaft für Intensivpflege und beatmungspflichtige Menschen im neu errichteten Haus am Hasselbach 42 in Hohenlimburg-Reh. Anfang der Woche wird die erste Patientin einziehen. Hier wird sie künftig so selbstständig, wie es ihre Gesundheit zulässt, leben können – bei intensivster Pflege rund um die Uhr.

Doch von vorn: Es war ein Artikel im wochenkurier, der den Stein ins Rollen gebracht hatte. Vor Jahren las Bohumil Holas von den Nöten eines beatmungspflichtigen Jungen. Diese Not hatte zwar nichts mit der Pflege zu tun. Doch der Hohenlimburger erkannte als langjähriger Leiter eines ambulanten Pflegedienstes, wie aufreibend die Pflege eines beatmungspflichtigen Patienten zu Hause sein kann. Angehörige können schnell an ihre Grenzen stoßen, weil rund um die Uhr – ganz gleich ob mittags oder mitten in der Nacht – etwas geschehen kann, das die Atmung des Patienten behindert. Rückzugsmöglichkeiten gibt es für pflegende Angehörige folglich kaum. Hinzu kommt, dass mit dem Tracheostoma, also der Öffnung der Luftröhre, die für das Beatmungsgerät nötig ist, das Infektionsrisiko erheblich steigt. Und dennoch: Welche Eltern oder welcher Partner möchte den erkrankten, nahe stehenden Menschen in einem Heim unterbringen, wo er oder sie plötzlich zu Besuchern werden?

Sicherheit und Geborgenheit

Bohumil Holas hatte eine Vision. Eine kleine Wohngemeinschaft, die er mit seinem ambulanten Pflegedienst betreiben durfte, könnte eine Alternative sein. Die Bewohner zahlen eine ganz normale Miete, die Intensivpflegekosten übernimmt die Krankenkasse. Bohumil Holas wollte den Menschen, die oft rund um die Uhr Pflege benötigen, ein Zuhause geben, in dem sie sich wohl fühlen. Keine Krankenhausatmosphäre, kein großes Heim, sondern ein ganz persönliches, kleines und gemütliches Daheim. Bohumil Holas ließ die Vision Wirklichkeit werden: Freunde oder Angehörige der beatmungspflichtigen Menschen können jederzeit kommen, sich einen Kaffee kochen, gemeinsam mit den Patienten einen Kuchen backen, im Garten in der Sonne sitzen oder – wenn die Gesundheit es erlaubt – Ausflüge planen.

Das Personal der Wohngemeinschaft sorgt für das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit: Denn rund um die Uhr sind Fachkrankenschwestern oder -pfleger für Intensivpflege vor Ort. Ein Facharzt für Anästhesie leistet eine 24-Stunden-Rufbereitschaft und ist sofort in der Wohngemeinschaft, sollte ärztliches Eingreifen nötig sein. Intensiv ist die Zusammenarbeit mit einem Neurologen, einem HNO-Mediziner, einem Urologen und einem Internisten. Beinahe täglich sind Mitarbeiter aus einer logopädischen, einer ergotherapeutischen und einer physiotherapeutischen Praxis in der Wohngemeinschaft, um mit den Patienten zu trainieren.

Das Konzept geht auf. Durch die intensive 1:1-Pflege, die Förderung und die größtmögliche Selbstständigkeit erholen sich einige Patienten. „Manchmal“, sagt Katja Quasdorf, Pflegedienstleiterin und Fachkrankenschwester für Intensivmedizin und Anästhesie, „sind wir selbst überrascht.“ Sie erzählt von Patienten, die lange mit Sonden ernährt wurden und nun wieder selbst essen können. Von Patienten, bei denen das Weaning, also das Abgewöhnen von der Beatmungsmaschine und erneute Lernen, selbst zu atmen, so erfolgreich war, dass sie nur noch nachts auf die Beatmungsmaschine zurückgreifen müssen. Sie erzählt aber auch von Lebensmut: Warum sollte man den Wunsch, in den Zoo zu gehen, nicht erfüllen? Was spricht gegen einen Besuch eines Fußballspiels beim Lieblingssportverein?

Bohumil Holas und sein Team machen es möglich. Sie haben eigens ein Auto umbauen lassen, um solche Ausflüge wahr werden zu lassen. In dem nun für Rollstühle geeigneten Wagen geht‘s dann mit großem Equipment – vom Ersatz-Beatmungsgerät bis zur Ersatzsauerstoffflasche – zum Freizeitziel. Natürlich gelingt das nicht allen Patienten, aber einigen.

Die Vision vom Leben in Würde

„Ein Leben in Würde wollen wir ermöglichen“, sagt Bohumil Holas. „Ein Leben mit gegenseitigem Respekt.“ Und weil das Unternehmen nun bereits auf drei Wohngemeinschaften angewachsen ist, sucht er weiter nach fachlich hoch qualifizierten Menschen, die gemeinsam mit ihm an diesem Ziel arbeiten.

Eigentlich könnte Bohumil Holas mit dem Erreichten zufrieden sein. Doch während die nunmehr dritte Wohngemeinschaft bezogen wird, plant er bereits ein viertes Projekt. In Rummenohl möchte er eine Wohngemeinschaft für beatmungspflichtige Kinder ins Leben rufen – mit Wohneinheiten für Eltern, damit sie auch über Nacht bei ihren Kindern sein können. Er hat Pläne, kämpft sich durch die Instanzen und lässt sich auch von Rückschlägen nicht aufhalten. Bohumil Holas ist eben ein Mann der Tat.

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