50 Stufen zum festlichen Klang

Damit Glocken, Läut- und Mauerwerk lange halten, inspiziert der ehemalige Metalldreher Eduard Osysek den Glockenstuhl gründlich. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) Etwa 50 Stufen und Sprossen, zuerst auf einer Holztreppe und dann auf einer Art Hühnerleiter geht es zum Glockenstuhl der Gevelsberger St. Engelbert-Kirche an der Rosendahler Straße hinauf. Gefühlte 20 Meter über dem Straßenniveau steht man dann auf schmalen Streben unter den drei verschieden großen Glocken, welche das Geläut des katholischen Gotteshauses bilden. Eng ist es hier, außerdem dunkel und ziemlich staubig. „Ja, man muss sich schon zünftigere Kleidung anziehen“, schmunzelt Küster Eduard Osysek: „Und schwindelfrei sollte man auch sein.“

Obendrein vielleicht auch ein wenig gelenkig, denn wie ein Affe muss man sich zwischen Balken durch enge Luken in den sehr überschaubaren Raum unter dem spitzen Turmhelm hangeln. Da hängen sie dann über einem, die drei Klangkörper mit wechselvoller Geschichte. 1873 überließ der preußische Staat der Kirchengemeinde 600 Kilogramm Geschützmetall, um friedlicheren Zwecken zu dienen. Daraus goss die Firma Edelbrock im münsterländischen Gescher drei am ersten Adventssonntag 1873 geweihte Bronzeglocken, deren Verbleib im Turm der Engelbertkirche allerdings nur 44 Jahre währen sollte. Am 28. August 1917 mussten die beiden größten Glocken ihr Metall dann doch wieder für den Einsatz als Kanonen im Ersten Weltkrieg abgeben und waren an die Rüstungsindustrie des untergehenden deutschen Kaiserreichs abzuliefern. In der Weimarer Republik des Jahres 1925 gab es dann endlich den acht Jahre lang sehnlich erwarteten Ersatz für das klanglich recht dünn gewordene Geläut.

Küster Eduard Osysek ist auf die größte der gewaltigen Kirchenglocken in der Gevelsberger St. Engelbert-Kirche besonders stolz. (Foto: Stefan Scheler)

Inzwischen ist man nach weiteren Schrecknissen in der glücklicherweise wenigstens hierzulande friedlichen Neuzeit angekommen, deren kulturelle Errungenschaften sich auch in der Technik des Läutwerks zeigen. „Einen Glöckner haben wir hier schon lange nicht mehr“, stellt der 59 Jahre alte Eduard Osysek die „schlanke Kirchenverwaltung“ vor: „Dafür übernimmt eine Zeitautomatik die elektrische Ansteuerung der Läutmechanik im Glockenstuhl.“ Regelmäßig um 7, 12 und 19 Uhr verkündet der metallene Dreiklang von St. Engelbert den Gevelsbergern die Tageszeit; diese Stunden waren früher für den Arbeitsbeginn, die Mittagspause und den Feierabend bedeutend. „Außerdem läuten wir noch jeweils eine Viertelstunde vor den Heiligen Messen“, berichtet der seit Februar für St. Engelbert tätige „Kirchenhausmeister“: „Bei besonderen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten und Trauergottesdiensten erklingen die Glocken ebenfalls. Das geht dann naturgemäß nicht über die Automatik, so dass für die Elektrik auch eine manuelle Schaltung vorhanden ist.“

Baulich ist noch alles in Ordnung; Schäden bedrohlichen Ausmaßes sind bisher zum Glück noch nicht aufgetreten. „Die Läuteinrichtung ist gut in Schuss“, zeigt sich Eduard Osysek als gelernter Dreher im Metallbau stolz auf „seinen“ Glockenturm: „Regelmäßige Wartung und Pflege sowie stabil im Mauerwerk verankerte Metallstreben stellen sicher, dass wir dem Zahn der Zeit immer noch ein Schnippchen schlagen können und die Glocken von St. Engelbert weiterhin klanglich rein und zeitlich zuverlässig in der gesamten Oberstadt zu hören sind.“

Dass dies noch lange Zeit so bleibt, hoffen auch der Pfarrer von St. Engelbert, Martin Stais, und seine Gemeinde, die zudem davon ausgehen, dass irgendwelche kriegsbedingten Demontagen in Zukunft ausbleiben…