„Aus Erbfeinden Brüder gemacht“

Ehrengäste aus der Politik: (von links) Bundestagsabgeordneter René Röspel, Elke Kramer, Landtagsabgeordneter Hubertus Kramer und Europaministerin Angelica Schwall-Düren. (Foto: Frank Schmidt)
Beeindruckte mit ihrer Rede auf dem Gevelsberger Neujahrsempfang: Europaministerin Angelica Schwall-Düren. (Foto: Frank Schmidt)

Gevelsberg. (zico) „Gelebtes Wir in Gevelsberg und Europa“ – dieses Thema, so erläuterte Bürgermeister Claus Jacobi beim Neujahrsempfang im Zentrum für Kirche und Kultur, habe angesichts der im Jahre 2013 zu feiernden 40-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Vendôme und Gevelsberg auf der Hand gelegen. Als Ehrengast und Hauptrednerin durfte das Stadtoberhaupt mit Angelica Schwall-Düren eine Europäerin begrüßen, die den vollbesetzten Saal fesselte und beeindruckte. Da, wo sich andere Referenten nur zu gern der Versuchung erliegen, sich in Worthülsen und Banalitäten zu verlieren, wurde die Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen konkret und ermunterte das offizielle Gevelsberg, am Projekt Europa mitzuarbeiten – nicht ohne zu verraten, wie man das tun kann.

Zuvor aber hatte Bürgermeister Claus Jacobi in diversen Beispielen bereits belegt, dass „seine“ Stadt schon jetzt echte Europabegeisterung lebe. „40 Jahre solcher Freundschaft zwischen den Städten Vendôme und Gevelsberg haben deutliche Spuren in den Herzen der Menschen hinterlassen, und viele von Ihnen, sage und schreibe 500, werden in diesem Jahr mit mir an den Loir reisen, um dort mit unseren französischen Freunden zu feiern“, rief er den gut 200 Besuchern zu: „Und was wäre ein solches Fest ohne unsere europäischen Freunde aus Sprottau und Butera? Selbstverständlich werden auch deren Delegationen aus Polen und Italien mit zu den Festlichkeiten in Frankreich eingeladen, um Seite an Seite mit uns zu feiern.“

Konnte über 200 Gäste beim Empfang im Zentrum für Kirche und Kultur begrüßen: Gevelsbergs Bürgermeister Claus Jacobi. (Foto: Frank Schmidt)

Jacobi erinnerte in diesem Zusammenhang auch an den Gevelsberger Dr. Caspar Heinrich Schübbe und den Vendômer René Goubé, die als Präsidenten rotarischer Service-Clubs mit ihrer Freundschaft den Grundstein für die Städtepartnerschaft zwischen Vendôme und Gevelsberg gelegt hatten und so „aus Erbfeinden Brüder im Alltag kommunaler Begegnungen machten“.

Zudem strich Jacobi das Engagement des Gymnasiums Gevelsbergs heraus, das zu Recht aufgrund seines „vorbildlichen Europa-Curriculums“ die Auszeichnung „Europaschule in NRW“ verliehen bekommen habe: „Nur, wenn es uns an unseren Schulen gelingt, unsere Gevelsberger Kinder und Jugendlichen durch vertiefte Sprachkenntnisse, Schüleraustausche, europaorientierte Berufsorientierung und internationale Abschlüsse mit der Jugend anderer europäischer Staaten zu einer einheitlichen Jugend Europas zu formen, können wir von einer wirklich europafähigen und fitten Kommune Gevelsberg sprechen.“

Anschließend begleiteten die Zuhörer die NRW-Europaministerin Angelica Schwall-Düren auf einen Streifzug durch den Kontinent und erfuhren, welche Möglichkeiten sie haben, um am fortdauernden Einigungsprozess teilnehmen können. Nachdem die 64-Jährige, die vor 50 Jahren selbst am ersten Jugendaustausch des deutsch-französischen Jugendwerkes teilgenommen hatte, die Gevelsberger Aktivitäten für die europäische Völkerfreundschaft gewürdigt hatte, nannte Schwall-Düren konkrete Möglichkeiten, sich an demokratischen Entscheidungsprozessen in Europa zu beteiligen – zum Beispiel im Rahmen europäischer Bürgerinitiativen. Solche laufen derzeit zum Beispiel zu den Themen Wasserversorgung, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten sowie zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das soziale Diskriminierung beenden soll. „Wenn mindestens eine Million Bürger aus mindestens sieben verschiedenen Staaten für ein Anliegen eintreten, muss sich die Europäische Kommission mit diesem Thema befassen“, erläuterte die Ministerin: „Bei 490 Millionen Einwohnern in Europa ist das eine Hürde, die zu packen ist.“

Umrahmt wurde der Gevelsberger Neujahrsempfang von Schülern des Gymnasiums Gevelsberg, die für das musikalische Programm sorgen. (Foto: Frank Schmidt)

Angelica Schwall-Düren warb in Gevelsberg für ein Europa, dass sich nicht nur wirtschaftlichen Zielen unterordnet, sondern einem sozialen Gedanken folgt. „Eine reine Sparpolitik zerstört das soziale Europa – es müssen soziale Standars geschaffen werden“, forderte die Sozialdemokratin: „Es wurde in der Vergangenheit viel zu sehr auf die Ökonomie gesetzt.“ Angelica Schwall-Düren versprach, das soziale Europa auch in die Kommunen zu bringen und verwies in diesem Zusammenhang auf ein Leitprogramm, welches die Kommunen unterstützen soll. In diesem Jahr finde erstmals ein Wettbewerb statt, mit der man sich als „Europaaktive Kommune“ ausweisen könne. „Ich bin zuversichtlich, dass Gevelsberg dann im nächsten Jahr auch an diesem Wettbewerb teilnimmt“, sagte Schwall-Düren mit einem Augenzwinkern.

In ihrer Eigenschaft als Medienministerin ging die gebürtige Offenburgerin nicht zuletzt auch auf die jüngsten Veränderungen in der heimischen Presselandschaft ein und forderte mediale Vielfalt als unverzichtbares Element der Demokratie – namentlich den Fortbestand der WP/WR-Redaktion im EN-Südkreis: „Verschiedene Medien sind wichtig – wir brauchen unterschiedliche Meinungen in der Medienlandschaft und keine Monopolisierung.“

Umrahmt wurde der Gevelsberger Neujahrsempfang von Schülern des Gymnasiums Gevelsberg, die für das musikalische Programm sorgen.