Bedrückende Szenen in der Aula West

Gevelsberg. (saz/je) „Wir alle gemeinsam, zusammen. Nur das kann die Lösung sein!“ So lautete das Fazit, das Schauspielerin Anke Jansen in der Rolle von Semiya Simsek am Ende des Theater-Stückes „Schmerzliche Heimat“ am vergangenen Montag zog.

Zu der Aufführung in der Aula West waren die Zehntklässler aller Gevelsberger Schulen gekommen. Gezeigt wurde eine Inszenierung des westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel
über die Geschichte der Familie Simsek, basierend auf dem 2013 erschienenen Buch mit gleichem Namen.

In dem auto­biografischen Buch schildert Semiya Simsek zusammen mit dem Journalisten Peter Schwarz das Leben ihres Vaters und die dramatischen Jahre nach seinem Tod. Denn Enver­ Simsek war das erste Opfer der rechtsradikalen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, kurz NSU. Am 9. September 2000 wurde der türkisch-stämmige Blumenhändler vermutlich rein
zufällig ausgewählt und mit neun gezielten Schüssen auf den Kopf hingerichtet.

In den nächsten Jahren fielen der Mörderbande mindestens acht weitere türkisch-, kurdisch- und griechisch-stämmige Männer zum Opfer, darunter auch der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubasik. Außerdem töteten sie eine Polizistin und verübten zwei Bombenattentate mit vielen Verletzten in Köln.

Familie im Zentrum

Im Theaterstück ging es aller­dings nicht vorwiegend um die völkisch-rassistischen Motive hinter den Morden. „Im Zentrum steht die Geschichte der Familie“, erklärt Neven Nöthig, der unter anderem als Enver Simsek auf der Bühne zu sehen war, in der anschließenden Gesprächsrunde mit dem Publikum.

Stattdessen stand der emotionale Druck von Seiten der deutschen Behörden, der auf die Familie Simsek ausgeübt wurde, im Mittelpunkt. Vor allem Enver Simseks Frau Adile, überzeugend gespielt von Susanne Kubelka, wurde jahrelang vorgeworfen, die Familie habe etwas mit dem Mord an ihrem Mann zu tun.

Viele falsche Verdächtigungen

Da am Tatort keine rechtsradikalen Zeichen gefunden wurden, kein Bekennerschreiben aus der rechten Szene auftauchte und auch ein Raubmord ausgeschlossen werden konnte, kam bei der Polizei nämlich über viele Jahre hinweg keinerlei Verdacht in diese Richtung auf. Stattdessen ging man davon aus, es könne sich  nur um ein Eifersuchtsdrama oder gar um eine Auseinandersetzung im Drogenmilieu handeln.

Immer wieder über Jahre hinweg, bei jedem weiteren Mord, wurde die Wunde der Familie wieder aufgerissen, denn die Polizei war stets mehr der Überzeugung, dass es sich um Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität türkischer Banden handeln könnte. Dies führte schließlich sogar zu der absurden Bezeichnung „Döner-Morde“.

Abgeschlossen wurde das Stück mit der Rede, die Semiya Simsek bei der zentralen Gedenkfeier für die Opfer am 23. Februar 2012 hielt. Anke Jansen betonte in der Rolle der jungen Frau eindringlich: „Elf Jahre lang durften wir nicht reinen Gewissens Opfer sein.“

Das Stück hinterlässt schließlich viele Fragen. Fragen, die nicht nur die junge Semiya Simsek beschäftigen. „Papa musste sterben, weil er Türke war?“, fragt sie und fügt hinzu: „Meine Heimat ist Deutschland, wie soll das gehen?“

Kritisch und bedrückend

Die Zuschauerränge in der Aula West waren nicht nur mit Schülern gefüllt, auch die Politik war vertreten. Der eindringlichen Darstellungen lauschten neben Mitgliedern von Rat und Verwaltung sowie dem Gevelsberger Bürgermeister Claus Jacobi auch der heimische Bundestagsabgeordnete René Röspel und der Landtagsabgeordnete Hubertus Kramer.

Es ist ein „kritisches und bedrückendes“ Stück, welches ein „wichtiges Kapitel Deutschlands“ aufzeigt, wie Bürgermeister Claus Jacobi im Anschluss an die Aufführung betonte. Es sei traurig, dass eine Familie zweifach zum Opfer werden konnte. Einmal durch die Ermordung des Vaters und dann auch noch als Opfer der fehlgeleiteten Strafverfolgung. Es  sei schrecklich, dass jemandem nicht geglaubt werde, nur weil er eine andere Religion, Hautfarbe oder Ethnie hat. „Die Annahme, jemand sei weniger wichtig, nur weil er anders ist, ist gefährlich und kann Schlimmes in der Gesellschaft bewirken“, warnt Jacobi. Dem Fazit von Semiya Simsek, dass nur gemeinsam eine Lösung für das Problem der Fremdenfeindlichkeit und der Angst vor dem „Anderen“ gefunden werden kann, stimmt er voll zu: „Ein friedliches und solidarisches Gevelsberg geht nur gemeinsam. Wir sind eine bunte Gesellschaft, für die es sich zu kämpfen lohnt.“