Beim Kondom kommt’s auch auf die Größe an

Aufklärung an Schulen ist auch heute noch unverzichtbar, wissen (von links) Karin Thöne, Natalie Schenk und Geraldine Schmidt von Pro Familia. (Foto: Frank Schmidt)

Schwelm. (zico) Klar wird nicht selten gekichert, wenn Geraldine Schmidt mit Holz-Penissen in verschiedenen Größen und Plüsch-Viren in die Schulklassen geht. Doch dieses Phänomen zeigt auch, wie sinnvoll der Besuch der seit Anfang April bei Pro Familia tätigen Sozialpädagogin bei den Schülern auch in vermeintlich aufgeklärten Zeiten ist. „Der Bereich Sexualität wird auch heute noch in vielen Elternhäusern nicht oder zu spät thematisiert“, weiß Geraldine Schmidt über den Wert ihrer Arbeit. Und auch das Gekicher unter den Jugendlichen weicht schnell hinter dem Interesse zurück.

Und während Jungen zunächst einmal gern das stolzeste Exemplar aus der Reihe der hölzernen Geschlechtsorgane als ihre Größe für sich reklamieren, wünschen sich die Mädchen bei der erotischen Zweisamkeit eher ein kleines Exemplar, berichtet Karin Thöne, die die Beratungsstelle von Pro Familia für den EN-Südkreis leitet: „Wichtig ist dies, weil es nicht nur auf den richtigen Gebrauch eines Kondoms ankommt, sondern auch darum, die richtige Größe zu wählen.“ Geraldine Schmidt bildet sich derzeit in allen Bereichen der Sexualpädagogik fort, kümmert sich um die Vernetzung mit der mit dem Thema befassten Institutionen und wird ab Juni verstärkt in den Schulklassen anzutreffen sein.

Der erste Besuch beim Gynäkologen ist für viele Mädchen mit unangenehmen Gedanken verbunden. Die Pro Familia-Mitarbeiterinnen Natalie Schenk, Karin Thöne und Geraldine Schmidt nehmen ihnen die Angst. (Foto: Frank Schmidt)

Sexualpädagogik ist natürlich nur einer von vielen Arbeitsbereichen bei Pro Familia, wie Karin Thöne bei der Vorstellung des Jahresberichtet 2011 im Gebäude Wilhelmstraße 45 in Schwelm (IbachHaus) noch einmal herausstrich. Einer der Schwerpunkte ihrer Arbeit liegt in der Beratung von Schwangeren, die konkrete Hilfen und Begleitung während der Schwangerschaft, aber auch nach der Geburt benötigen. „Die Beratungszahlen nehmen jährlich zu“, so Thöne: „Vielfach sind Frauen nur in 400-Euro-Jobs oder mit befristeten Arbeitsverträgen beschäftigt. Im Falle einer Schwangerschaft fällt das soziale Netz dann weg.“ Themen wie Erziehungsgeld, Elterngeld, Arbeitslosengeld, Mutterschutz und andere rücken dann in den Fokus. So fanden bei Pro Familia im vergangenen Jahr allein 475 Beratungen zum Thema Schwangerschaft statt.

Die Schwelmer Pro Familia-Beratungsstelle ist für den südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis mit den Städten Schwelm, Ennepetal, Breckerfeld, Gevelsberg und Sprockhövel zuständig. Insgesamt fanden im Jahr 2011 in den verschiedenen Beratungsbereichen 758 Beratungen statt, die auch Gruppenveranstaltungen für Schwangere beinhalten. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1878 Menschen erreicht, die Pro Familia-Angebote in Anspruch nahmen. Neben der Beratung mit Schwangeren zählen zum Beispiel auch die Psychosoziale Beratung in besonderen Situationen rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt, Partnerschafts- und Sexualberatung, Jugendarbeit und Aidsprävention sowie sexuelle Gewalt zu den Arbeitsfeldern.

Einen immer höheren Stellenwert nimmt mittlerweile „Kizz“, die „Kinder- und Jugendschutzambulanz gegen sexuelle und häusliche Gewalt, unter dem Dach von Pro Familia ein. „Kizz“, vor zehn Jahren zunächst in Gevelsberg ins Leben gerufen, gibt deshalb einen eigenen Jahresbericht heraus und weist eine Zunahme der Beratungen in Höhe von 22 Prozent aus. Die für diesen Bereich zuständige Sozialpädagogin Natalie Schenk ist seit Anfang Mai gleichberechtigte Leiterin Pro Familia – auch ein Indiz dafür, wie wichtig dieser Komplex bei der Beratungsstelle geworden ist. „105 Fälle wurden von uns im vergangenen Jahr bearbeitet; 42 davon im Auftrag des Schwelmer Jugendamtes“, berichtet Natalie Schenk. Die Arbeit mit den Betroffenen, etwa auf therapeutischem Weg, zählt dabei ebenso zu den Aufgaben wie die Klärung des Falles an sich. Und hier kommt auch wieder Geraldine Schmidt ins Spiel, die diesbezüglich die Kontakte zu Familienzentren und Kindergärten ausbauen möchte. „Was hat es zu bedeuten, wenn kleine Kinder über Geschlechtsorgane sprechen; welche Handlungen liegen noch im Rahmen normaler Doktorspiele und wann handelt es sich um problematische Auffälligkeiten – solche Fragen gilt es in Einzelfällen zu beantworten“, so Geraldine Schmidt.

„Insgesamt“, so Karin Thöne, „haben wir also genug zu tun. Trotzdem ermitteln wir den Bedarf immer wieder neu und schauen, wo neue Aufgaben auf uns warten, um unserem Anspruch gerecht zu werden.