Eigene vier Wände für Obdachlosen

Gevelsberg. (saz) Mit 7 Jahren ist er das erste Mal von Zuhause ausgerissen, seitdem hat der heute 48-jährige F. (Name der Redaktion bekannt) sein Leben fast ausschließlich als Obdachloser verbracht. Dabei war er aber nie ein „klassischer“ Obdachloser, er hat nicht alles verloren und sich auf der Straße wiedergefunden. Vielmehr hat er sich draußen immer wohl gefühlt, hat aus freien Stücken das Leben fernab von der „Zivilisation“ gesucht.

Doch irgendwann kam auch bei ihm der Punkt, an dem er die Straße verlassen und in die eigenen vier Wände wollte. Seit Ende letzten Jahres hat er mithilfe des Vereins „Unsichtbar“ eine Wohnung in Gevelsberg gefunden. Nichtsdestotrotz ist seine Reise noch lange nicht zu Ende.

Im Gespräch mit dem Wochenkurier erzählt der Gevelsberger F. von seinem Weg von der Straße in die eigenen vier Wände.(Foto: Bernd Kasper  / pixelio.de)
Im Gespräch mit dem Wochenkurier erzählt der Gevelsberger F. von seinem Weg von der Straße in die eigenen vier Wände.(Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

Bewältigung

„In den 90ern habe ich schon einmal versucht, von der Straße wegzukommen“, erzählt F. im Gespräch mit dem Wochenkurier. „Damals war das für mich total bedrückend. Ich habe sieben Jahre gebraucht, um mich von der Straße abzunabeln, bin alle ein bis zwei Jahre nervös geworden und wieder umgezogen.“ Gut gegangen ist das damals nicht, wie er sagt. „Ich wusste nicht, worauf ich mich da einließ. Ich musste erst einmal lernen, mit all dem Kram aufzuhören.“ Sozusagen eine Vergangenheitsbewältigung, mit der er zu dem Zeitpunkt noch nicht zurecht kam.

Trotzdem war vor 20 Jahren die Idee in ihm aufgekeimt, endgültig eine feste Bleibe zu finden. Doch es lag noch eine lange Reise vor ihm, denn er hatte auch mit den verschiedensten Abhängigkeiten zu kämpfen. Jetzt ist er clean: „Seit 15 Jahren nehme ich keine harten Drogen mehr. Vor 9 Jahren habe ich mit den weicheren aufgehört und seit 5 Jahren trinke ich auch keinen Alkohol mehr.“

Gesundheitsprobleme

Seine Gesundheit hat unter dem Leben auf der Straße sehr gelitten, er ist lungenkrank. „Ich bin zunehmend krank geworden. Das hat mir bewusst gemacht, dass ich eine Eigenverantwortung für mich und meine Gesundheit habe.“ Diese Erkenntnis ging auch mit der einher, dass er die Schuld an seiner Lage bei sich selbst suchen muss, nicht bei anderen. Seine Vergangenheit bewältigt er nach und nach. „Je mehr man mit sich selbst geklärt hat, umso schöner wird das Leben.“

Jetzt heißt es erst einmal: alte Strukturen ablegen und sich an das neue Umfeld gewöhnen. Seinen Schlafplatz hat F. noch einem Lager ähnlich auf dem Boden seines Wohn-, Ess- und Schlafbereichs aufgebaut, doch bald soll er auch ein Bett bekommen. Das werde noch einmal eine große Umstellung für ihn: „Mir graut ein wenig davor, denn das Lagerleben gibt mir eine gewisse Art der Sicherheit.“ Doch er geht diesen Schritt in sein neues Leben.

Schritt für Schritt

„Es kommen jetzt neue Entwicklungen auf mich zu, die muss ich annehmen. Schritt für Schritt. Ich muss mich von den alten Strukturen lösen, um mein neues Leben erfolgreich zu meistern“, erklärt er. Dazu gehört auch, dass er seine Mahlzeiten nicht wie gewohnt auf seinem Schlaflager zu sich nimmt, sondern sich dafür an seinen neuen Esstisch setzt.

Mit der „neuen Bude“, wie er die Wohnung nennt, hat F. einen ersten Schritt in seine neue Zukunft gewagt. Als nächstes will er mit dem Rauchen aufhören, seinen Alltag strukturieren, erworbene Strukturen erhalten und, wie er sagt, „in Brot und Spiele kommen“. F.blickt positiv in die Zukunft und glaubt daran, dass er langsam aber sicher erfolgreich sein wird: „Niemals aufgeben – das ist ein wichtiges Motto.“