Ein Knall – und aus Randfiguren werden plötzlich Hauptdarsteller

Ganz in Rot: Das DRK-Jubiläumsjahr begrüßten auch einige Gevelsberger Rotkreuzler vor dem Brandenburger Tor in Berlin, wo Helfer aus ganz Deutschland ein rotes Menschenkreuz bildeten. (Foto: DRK Gevelsberg, Holger Fuchs)

Gevelsberg. (zico) Dienstag, 26. Juni 2012, 22.45 Uhr: Es ist der Tag, an dem der Gevelsberger Kirmes das Lachen im Halse stecken bleibt. Den meisten Menschen im heimischen Raum dürfte der Unfall im Fahrgeschäft „Musikexpress“ noch in schlechter Erinnerung sein. Eine Gondel löst sich aus dem Verbund und überschlägt sich mit den drei Insassinnen. Und schon werden aus den Randfiguren des DRK, die wie immer an der Ecke Lindengrabenstraße, Ecke Elberfelder Straße Position bezogen haben, um in Notfällen einzugreifen, dringend benötigte Hauptdarsteller.

Rotkreuzleiter Mario Fuchs, an diesem Abend Sanitätsdienstleiter vor Ort, ist in diesem Moment mit einem Kollegen auf Patrouille, nur 30, 40 Meter vom Unglücksort entfernt. Vom Knall, den der Aufschlag der Gondel verursacht, bekommt er im Stimmengewirr und bei der lauten Musik nichts mit. Doch schon eilt eine Dame zu den Rotkreuzlern und spricht sie hektisch an: „Schnell, zur Raupe, da liegen viele Verletzte.“ Und die Beiden nehmen die Beine in die Hand.

„Meist wissen wir selbst nicht genau, was uns in einer solchen Situation erwartet“, sagt Mario Fuchs. Im Gewirr der aufgeregten Menschen gilt es, kühlen Kopf zu bewahren, die Situation zu erfassen und das Richtige zu tun. Was ist geschehen? Droht weitere Gefahr? Und während so mancher Schaulustige sich ein gutes Plätzchen sucht, um das Geschehen besser beobachten zu können, und dabei noch den Rettungskräften den Weg versperrt, heißt es für die Leute vom DRK: Verantwortung übernehmen und entschlossen Handeln!

Mario Fuchs stürzt sich auf die Patientin, die offensichtlich am dringlichsten Hilfe braucht. Der Kollege ruft unterdessen die Leitstelle im Schwelmer Kreishaus an, ruft Verstärkung. Knappe, präzise Informationen sind gefragt, damit keine Zeit verloren geht. Der Rotkreuzler fordert Verstärkung herbei. Die Polizei sperrt ab. Die Feuerwehr übernimmt den technischen Part. Auch vom DRK kommen weitere Helfer. Vier weitere Patienten stehen unter dem Eindruck des Geschehens unter Schock, kollabieren. Vier Rettungswagen rollen mit Blaulicht und Serenengeheul zum Einsatzort, transportieren die Verletzten nach der Erstversorgung ins Krankenhaus.

Ulrich Hausen, hier mit ärztlicher Unterstützung, bildet beim DRK Ersthelfer und Betriebshelfer aus. Verantwortungsvolles Handeln bedarf guter Schulung, die beim DRK stets auf dem neuesten Stand der Erkenntnisse gehalten wird. (Foto: Frank Schmidt)

Zwischendurch spielen auch noch die Leute verrückt. Jemand hat auf Facebook gepostet, es habe Tote gegeben. Die Falschmeldung verbreitet sich in Windeseile, und entsprechend groß ist die Angst unter den eben noch Feiernden: „Ist meine Tochter dabei?“ Die Rotkreuzler haben alle Mühe, so gut es geht zu beruhigen. Auch wenn sie jeden Handgriff kennen, bestens geschult und für alle erdenklichen Situationen ausgestattet sind: Routine wird die Arbeit am Menschen für die Retter nie – weder im praktischen Handeln, noch emotional.

Und deshalb sitzen die Beteiligten des DRK nach dem Einsatz auch noch beisammen, bereiten das Erlebte nach, so dass niemand mit seinen Erlebnissen allein bleibt. „Es waren ja auch junge Kräfte im Einsatz, für die solche intensiven Situationen auch nicht alltäglich sind“, blickt DRK-Geschäftsführer Hans-Günther Adrian heute zurück.

Im Jahre 2008 war die Lage sogar noch unübersichtlicher, als ein Feuerwerkskörper ebenfalls auf der Gevelsberger Kirmes nicht wie geplant in luftiger Höhe im Rahmen des Schlussfeuerwerks, sondern auf dem Boden explodiert war und Verbrennungen bei Kirmesbesuchern verursachte. „Da wussten wir zunächst nicht, was die Explosion verursacht hatte und ob weitere Gefahr drohte“, so Mario Fuchs.

Die Einsätze der Rotkreuzler sind vielfältig. Bei Sport- und Kulturveranstaltungen stehen die Helfer vom DRK ebenso parat wie bei Ereignissen wie dem Boulevard Gevelsberg. Wenn Schneechaos auf der Autobahn herrscht und es für die Autos in Kilometer langen Staus kein weiter kommen gibt, verteilen sie Decken und heißen Tee. Und bei den Heimspielen des BvB leisten sie Unterstützung für die Kollegen des Dortmunder DRK. Gegen Schalke herrscht für die Retter sogar Helmpflicht, für den Fall, das es Zoff gibt und die Helfer zwischen die Fronten geraten.

Mitunter ist der Einsatz des DRK eben nicht nur verantwortungsvoll, vielfältig und interessant, sondern auch gefährlich. „Der Zusammenhalt in der Gruppe der zurzeit 45 Aktiven ist deshalb von je her besonders groß, und so trifft man sich auch im Freizeitbereich zu vielen gemeinsamen Aktivitäten“, weiß DRK-Urgestein und Schatzmeister Udo Vogel: „Der ein oder andere Euro fließt auch in die Unterstützung der Kameradschaft.“

Wird fortgesetzt …