„Erbfeindschaft“ ist Geschichte

Vendôme/Gevelsberg. (Sche) „Ich habe als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt“, erinnerte sich der 73 Lenze zählende Deutsche Manfred Adolph anlässlich des 40-jährigen Bestehen der Partnerschaft mit Gevelsberg im Vendômer „Le Minotaure“, und sein französischer Freund Gérard Mantharu, 66 Jahre alt, fügte hinzu: „Zu meiner Jugendzeit tobte der Algerienkrieg. Es ist genug.“

Colette Anginot und André Fleury hatten sich nach den Schrecken zweier Weltkriege aktiv für die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland eingesetzt. (Foto: Stefan Scheler)
Colette Anginot und André Fleury hatten sich nach den Schrecken zweier Weltkriege aktiv für die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland eingesetzt. (Foto: Stefan Scheler)

Die beiden Senioren aus zwei Nationen sind sozusagen Gründerväter der deutsch-französischen Partnerschaft. Über den Handball brachten sie Gevelsberg und Vendôme zusammen. Schon ein Jahr vor der offiziellen „Jumelage“, nämlich 1972, trafen sich Mannschaften aus den beiden Städten zum friedlichen Wettkampf. „Danach waren wir alle Jahre abwechselnd in Vendôme und Gevelsberg“, betonte Manfred Adolph: „Wir haben den Jugendaustausch zur Herzenssache gemacht.“ Es habe nie Probleme gegeben, für die jungen Leute Unterkünfte zu finden, auch wenn teilweise Reisegruppen von bis zu 60 Personen einzuquartieren waren. Im Gedenken an diese Zeiten fand übrigens beim diesjährigen Besuch der Gevelsberger Delegation im Gymnase Ampère wieder eine Handball-Begegnung, diesmal zwischen der HSG Gevelsberg und der USV Vendôme, statt.

Krieg und wechselseitige Phasen von Gefangenschaft und Zwangsarbeit kennzeichneten Jahrhunderte lang das Verhältnis der beiden Staaten Frankreich und Deutschland. Und das, obwohl die beiden Nachbarn im Westen ihre Geschichte aus einem gemeinsamen Stamm, den Franken, schöpfen. Das hatte auch Colette Anginot immer schon erbittert. „Die Schlacht in der Normandie ist mir noch stark in Erinnerung“, dachte die 86 Jahre alte Dame an die alliierte Landung an der Kanalküste zurück: „Darum ist es wunderbar, dass die Rotarier halfen, der alten Feindschaft ein Ende zu machen.“

Christel Basilautzkis aus Gevelsberg nahm schon 1973 einen Gast aus Vendôme auf und fuhr ein Jahr später selbst an den Loir. (Foto: Stefan Scheler)
Christel Basilautzkis aus Gevelsberg nahm schon 1973 einen Gast aus Vendôme auf und fuhr ein Jahr später selbst an den Loir. (Foto: Stefan Scheler)

André Fleury vom Rotary Club Vendôme war 1973 bei den ersten, die zur neu gegründeten Städtepartnerschaft die Gemeinde an der Ennepe besuchten. „Bernard Anginot war seinerzeit unser Präsident“, berichtete der Pionier des friedlichen Zusammenlebens: „Die Menschen in Gevelsberg haben uns damals mit großem Applaus begrüßt.“

„Wir hatten 1973 ein Mitglied der Harmonie Municipale de Vendôme bei uns aufgenommen“, erinnerte sich die 69-jährige Gevelsbergerin Christel Basilautzkis: „1974 fuhr ich dann das erste Mal an den Loir.“

Vorausgegangen war diesen gegenseitigen Treffen ein intensiver Briefwechsel, dessen Zeugnisse Besucher noch heute im Museum der Partnerschaft in den Greniers de l‘Abbaye, den Speichern der Abtei, studieren können. Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass bereits im Jahr 1953, acht Jahre nach der deutschen Kapitulation, in einer Periode, die auch französische Besatzungstruppen in Deutschland prägten, vernunftbegabte Männer und Frauen in beiden Staaten die ersten Fühler ausstreckten, um der so genannten „Erbfeindschaft“ für hoffentlich immer ein Ende zu machen. 1957 zeigten sich die ersten Ergebnisse dieser Anstrengungen in der Aufnahme von Kontakten offizieller Stellen, das heißt der Bürgermeister und Räte, worauf 1972 ein Brief aus Gevelsberg in Vendôme eintraf, in dem der damalige Stadtrat Carl Heinrich Schübbe die Aufnahme einer Städtepartnerschaft anbot. „Mein Mann Bernard hat 1973 als Präsident des Rotary Clubs die positive Antwort gegeben“, zeigte sich Colette Anginot im Museum der „Jumelage“ stolz auf lange Jahre der Freundschaft: „Besonders schön fand ich die Sache mit dem Baum.“

Damit ist Folgendes gemeint: 1973 pflanzten Vertreter aus beiden Kommunen im Gevelsberger Stadtgarten eine Eiche. Der damals noch recht schmächtige Setzling, inzwischen ein beachtlicher Riese mit ausladender Krone, kam jedoch nicht in Gevelsberger Erde. Den Untergrund für die Wurzel lieferte der Garten des damaligen Vendômer Bürgermeisters Robert Lasneau, an dessen Grab übrigens die Ehrengäste beim diesjährigen Besuch Kränze in den Farben beider beteiligten Nationen niederlegten. „In der Krume aus Vendôme ist der Baum hervorragend gediehen“, freute sich Gevelsbergs Bürgermeister Claus Jacobi, als er in den Greniers de l‘Abbaye ein Foto des stolzen Gewächses betrachtete: „Den kann heute jeder in Gevelsberg bestaunen, als im wahrsten Wortsinn lebendiges Zeugnis einer blühenden Städtepartnerschaft.“