Erdbeertrunk aus Sägespänen

Sparkassen-Chef Oliver Teske, Experte Armin Valet, Vorstand Bodo Bongen und Landwirte-Funktionär Bernd Kettler (von links) klärten auf. (Foto: Stefan Scheler)

Ennepetal. (Sche) „Nach Ihren aufschlussreichen Ausführungen werde ich in Zukunft darauf achten, ob in der Wurst der Holzwurm tickt“, zog Bernd Kettler, stellvertretender Vorsitzender des Landwirte-Kreisverbands EN/Hagen, ein scherzhaft überspitztes Fazit des von der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld ausgerichteten Vortragsabends mit Lebensmittelchemiker Armin Valet im Voerder Restaurant „Rosine“ vor wenigen Tagen. Im Anschluss überreichte er dem Referenten einen Korb mit Agrarprodukten aus dem EN-Kreis und versicherte: „Die sind garantiert echt und frisch aus der Natur.“

Zuvor hatte der Gast aus Hamburg ein düsteres Bild der deutschen Konsumlandschaft gemalt und mit Fakten in Form von Untersuchungsergebnissen sowie mitgebrachten Produkten untermauert. Zur Belustigung, aber teilweise auch zum Ekel der etwa hundert Zuhörer ging er zunächst auf die teilweise technisch sehr raffinierte Art der Imitate ein, unternahm dann eine Produktsichtung aus einem typischen Supermarkt und erklärte zum Schluss, wie Produzenten bei Mogelpackungen über Inhalt und Gewicht täuschen.

„Da ist zunächst der so genannte Analogkäse“, begann der Verbraucherschützer: „Darin befindet sich kein Milch- sondern Pflanzenfett. Das Entfernen und Ersetzen des Ursprungsstoffs ist für die Industrie billiger.“ Die Kostenrechnung der Produzenten ist der rote Faden bei allen Manipulationen an Lebensmitteln, welche die Hersteller in der Werbung gern als natürlich und gesundheitlich wertvoll anpreisen. „Darunter leiden auch Sie“, warnte Armin Valet die anwesenden Landwirte: „Sie produzieren mit

Lebensmittelchemiker Armin Valet hatte für seinen Vortrag über Lebensmittel-Imitate und Mogelpackungen viel Anschauungsmaterial dabei. (Foto: Stefan Scheler)

viel Mühe gesunde Nahrungsmittel, die dann für Plagiate aus dem Labor Platz machen müssen.“ Zum Beispiel werde ein scheinbar in einem Stück gewachsener Schinken aus Fleischfetzen mit Hilfe des Enzyms Glutaminase zusammengeklebt. „Solche Manipulationen sind ohne großen Aufwand möglich“, versicherte der Experte: „Die technischen Vereinfachungen der Lebensmittel-Herstellung schlagen sich im Ergebnis in barer Münze für die Betriebe nieder.“

Ein Beispiel für den alltäglichen Etikettenschwindel, wie ihn auch angesehene Marken zuweilen betreiben, sei ein Vanille-Speiseeis mit dem Produktnamen „Cremissimo“, führte der Vortragende aus. „Das hört sich so schön nach frischer Sahne an“, wurde er konkret: „Stattdessen ist nur ein Minimum an Vanille darin, während der Hauptanteil der Aromen aus Abfällen der Papierindustrie stammt.“

Die Liste solcher Verstöße gegen den guten Geschmack und – je nach Auslegung – auch gegen Recht und Gesetz konnte der Fachmann noch fast unbegrenzt erweitern. Stellvertretend für die vielen „Geschmacklosigkeiten“ sei noch ein „Erdbeerdrink aus fettarmer Milch“ genannt, dessen Aroma aus Sägespänen von Zedernholz stammt, während ein zugesetzter Farbstoff für das rötliche Erscheinungsbild sorgt.

„Die Gesetzeslage hinsichtlich dieser Praktiken ist äußerst verwirrend“, enttäuschte Armin Valet die Hoffnung auf staatlichen Schutz: „Nationale Richtlinien weicht die EU auf, es fehlt an Kontrollen, und Strafen schrecken nicht ab.“

Dem Verbraucher bleibe, so die Quintessenz des Abends, nur eine Kontrolle mittels der oft verwirrenden Kennzeichnungen auf den Waren. Klarheit könne die Einschaltung der Verbraucherzentralen schaffen, welche auch im Internetz für Aufklärung sorgen. Dort erfährt der Konsument auch, wie er die mathematisch äußerst raffinierten Deklarierungen auf den Verpackungen hinsichtlich Mengen und Gewichten einzuordnen hat.