Furchtbare Jahre im dunklen Gefängnis

EN-Kreis. (zico) Wer zu Weihnachten ein Tier verschenken möchte, der sollte sich das genau überlegen. Sind die Voraussetzungen gegeben, ein lebendiges Wesen auf Dauer gut und artgerecht zu versorgen? Ist der Wunsch des zu Beschenkenden wirklich nachhaltig? Zu bedenken ist, dass man ein Tier nicht einfach in die Ecke stellen oder wieder abgeben kann, wenn man den Spaß daran verliert.

Eine verantwortliche Entscheidung ist also gefragt!

Ist der Entschluss jedoch reiflich durchdacht und schließlich gefallen, gilt es, beim Erwerb des Tieres genau hinzuschauen. Besonders bei Hunden ist Vorsicht geboten. Denn skrupellose „Vermehrer“ züchten Hunde oft unter schlimmsten Bedingungen, um die Vierbeiner unter Marktwert verkaufen zu können und so ihren Profit zu machen. Oft sind es Privatleute,  zuweilen aber auch professionelle Banden, die sich solcher Praktiken bedienen.

Die Anbieter geben sich stets als Privatpersonen aus und warten mit realistisch klingenden Geschichten auf: „Unsere Bella ist ungewollt schwanger geworden;  daher haben wir Welpen abzugeben“, so oder ähnlich heißt es in Annoncen ganz harmlos. Vom Phänomen betroffen sind alle Rassen,  aber besonders kleine Hunde sind vielfach Opfer solcher Zuchtbedingungen,  da sich dann gleich ein ganzes Rudel Vierbeiner auf kleinstem Raum halten lässt.

Wie das Leben für solch einen typischen Vermehrerhund aussieht,  zeigt Jessies Schicksal, die vor fünf Jahren von Familie M. aufgenommen wurde. „Die heute acht Jahre alte Hundedame“, so berichtet Kathrin M.,“ ist selbst das Produkt einer Vermehrerin und wurde viel zu jung der Mutter und den Geschwistern entrissen. Daher erfolgte keine hundetypische Sozialisierung.“

Drei Jahre wurde das Tier in einem engen Käfig in einem dunklen Kellerraum gehalten, ohne die Möglichkeit, sich aufrichten oder umdrehen zu können. Das bezahlte der kleine West Highland White Terrier mit einem verkrüppelten Knochenbau,  Wirbelsäulendefekten und  kaum vorhandener Muskulatur.

„Der Kellerraum glich einer Legebatterie,  wo Jessies Gefängnis mit zehn anderen Käfigen in einem Regal untergebracht war. Die Hunde konnten sich hören und riechen,  waren aber sonst isoliert und konnten nur einmal am Tag für 30 Minuten ins Freie, zum Fressen und Geschäfte erledigen“, berichtet Kathrin M. weiter. Als Schwächste im Rudel wurde Jessie häufig beim Futtern angegriffen,  daher zeigt sie bis zum heutigen Tag ein gestörtes Fressverhalten.

Jessie hat in ihren ersten drei Lebensjahren mehrmals geworfen und musste sogar einen selbstgemachten Kaiserschnitt über sich ergehen lassen.  Da aber danach die letzten beiden Welpen Totgeburten waren,  sollte Jessie mit anderen, für ihre Besitzer wertlos gewordenen Hunden verkauft werden. Ein Interessent schöpfte jedoch Verdacht,  da die Besitzerin sich weigerte, die Muttertiere der anderen Hunde zu zeigen.

Der aufmerksame Tierfreund machte Meldung beim Tierschutzverein,  der seinerseits das Veterinäramt alarmierte. So flogen das grausame Zuchtgefängnis und seine Betreiber auf – mit dem Ergebnis,  dass alle sich noch im Keller befindlichen Tiere ebenfalls gerettet wurden. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Pflegestelle wurde Jessie an Familie M. vermittelt.

Die Familie schloss Jessie sofort ins Herz, auch wenn die körperlichen Folgeschäden einige tierärztliche Behandlungen nach sich zogen: kaputte Gelenke,  Wirbelsäulenspondylose und ein  vergrößertes Herz,  das zeitweise auf die Luftröhre drückt. Auch psychisch blieben die drei schlimmen Jahre im Keller nicht ohne Folgen. Jessie ist sehr schreckhaft, hat Angst vor Licht jeder Art,  vor Geräuschen,  beim Fressen,  vor Türen,  und sie kann auch nicht spielen. Jessies Schicksal ist typisch und keine Ausnahme. Immerhin ist die putzige Westie-Dame heute meist lebensfroh und liebt ihre Menschen heiß und innig.

„Man sieht es den Welpen als Nicht-Hundexperte nicht sofort an,  welchen Hintergrund sie haben, da die Vermehrer dafür sorgen,  dass die Welpen gesund aussehen“, so Kathrin M.: „Trotzdem sind die Tiere  nicht richtig sozialisiert,  was zu langfristigen Verhaltensauffälligkeiten führt. Die mangelhafte Ernährung ohne Muttermilch führt mittelfristig oft auch zu Problemen mit dem Immunsystem oder bei der Zahn- und Knochenentwicklung.“

Natürlich sind nicht alle Kleinanzeigen das Werk von skrupellosen Vermehrern,  aber um  sicher zu gehen,  sollte man sich das Muttertier des Hundes, den man kaufen möchte, und die Interaktion mit Geschwistern gut anschauen. „Zudem“, so Kathrin M., „sollten Hunde nicht vor der zehnten Lebenswoche von der Mutter und dem Wurf getrennt werden,  eher noch etwas später“.

Bei einem Verdacht auf Vermehrer liefert man keine Lösung des Problems, wenn man ein einzelnes Tier freikauft –  eher erhält der Erwerb den Markt aufrecht und verschärft das Elend noch. Daher sollte man sich an den örtlichen Tierschutzverin wenden. „Der weiß,  wie man vorgehen muss, und anschließend  kann man das Tier dann über den Tierschutz adoptieren“, so Klaus M..

Tierschutzhunde kosten circa  250 Euro, sind für diesen Preis bereits entwurmt und geimpft und oft auch schon kastriert oder sterilisiert.  Viele Kommunen bieten zudem Vergünstigungen an, wenn man nachweisen kann,  dass das Tier vom Tierschutz stammt.  In vielen Städten wird den Haltern mittlerweile  für eine gewisse Zeit auch die Hundesteuer erlassen.