Gestapo neben „Judenhaus“

Schwelm. (Sche) „Hier im Obergeschoss residierte die Gestapo“, ging der Heimathistoriker Klaus Peter Schmitz auf die Geschichte seines Hauses an der Bahnhofstraße 39 in Schwelm ein: „Das Nebenhaus war von Juden bewohnt, die mit täglichen Überfällen der Geheimen Staatspolizei zu rechnen hatten.“

Hauptstraße hieß Adolf-Hitler-Straße

Über diese und ähnliche Vorfälle hat der ehemalige Elektromeister, der emsig in der Geschichte seiner Heimatstadt Schwelm forscht, ein Buch mit dem Titel „Die Zeit des Nationalsozialismus in Schwelm“ geschrieben, das mit 250 Exemplaren eine breite Leserschaft anspricht. „Es sind gar nicht mal die ganz alten Semester, die sich dafür interessieren“, resümiert der Autor: „Stattdessen sprechen die Geschichten und Fotos vom Schwelm der 30-er und 40-er Jahre offenbar sehr die Generation um die 40 an, die den Krieg und die Nazi-Herrschaft selbst gar nicht erlebt hat.“ Das führt der 69-Jährige auf die Neugier zurück, etwas über die Heimatstadt zu erfahren, was einem die eigenen Eltern – vielleicht aus Scham – nie mitgeteilt haben.

„Zum Beispiel die Straßen“, hebt Klaus Peter Schmitz einen Aspekt hervor: „Wer weiß denn heute noch, dass die Hauptstraße einmal Adolf Hitler-Straße hieß?“ Solche Details entgehen dem Hobbyhistoriker nicht, denn in seiner Studierstube häufen sich neben Exponaten aus alten Zeiten auch massenweise Bücher, Zeitungen und Bilddokumente. Der Computer mit weiteren Unmengen an gespeicherten Informationen nimmt den Mittelpunkt des Arbeitszimmers ein.

Der „Schwelmer aus Leidenschaft“ Klaus Peter Schmitz mit seinem jüngsten Werk „Die Zeit des Nationalsozialismus in Schwelm.“ (Foto: Stefan Scheler)
Der „Schwelmer aus Leidenschaft“ Klaus Peter Schmitz mit seinem jüngsten Werk „Die Zeit des Nationalsozialismus in Schwelm.“ (Foto: Stefan Scheler)

In Polizeiwache erschlagen

„Besonders konzentriere ich meine Forschungen auf das Umfeld der Marienkirche“, rückt der ehemalige Vorsitzende der Kolpingfamilie sein näheres Wohnumfeld in den Fokus: „Hier, zwischen Bahnhof- und August Kuschmirz-Straße, haben wir als Kinder gespielt; das war der Schauplatz frühester Erinnerungen.“ Später ging der Schwelmer aus Überzeugung nach Münster, wo er das Herderkolleg und das Ratsgymnasium besuchte. Mit der „Hauptstadt“ des Münsterlands verbindet der 1944 Geborene durchweg positive Eindrücke, wenn er auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch viele Trümmer der zerstörerischen alliierten Bombardements zu Gesicht bekommen hatte.

Im Blickpunkt der Forschungen, die Klaus Peter Schmitz in seinem unmittelbaren Wohnumfeld angestellt hatte, stand auch die August Kuschmirz-Straße. Dort wohnte nämlich der Namensgeber selbst in den 30-er Jahren. Als der braune Mob an die Macht gekommen war, bestand eine von dessen ersten Aktionen darin, den bekannten KPD-Funktionär zu verhaften. Während die neuen Machthaber die meisten von Kuschmirz‘ Genossen als „Moorsoldaten“ zur Zwangsarbeit verschleppten, erschlug die Gestapo den Schwelmer Kommunisten in den Räumen der Polizeiwache an der Steinstraße in Dortmund.

Unverhohlene Brutalität

All dies ist in Klaus Peter Schmitz‘ Buch nachzulesen. Es ist das vierte Werk aus einer Reihe historischer Bände, in denen sich Schmitz besonders mit dem gesellschaftlichen Leben Schwelms befassen. Vor der vor kurzem erschienenen NS-Chronik kamen die Geschichte der Pfarrgemeinde St. Marien, 150 Jahre Kolpingfamilie und eine Betrachtung der Kolpingfamilie zwischen Auftrag und Wandel in die Bücherregale.

Ihr Autor ist sowohl der katholisch-christlichen wie auch der Kolpingschen Soziallehre verbunden. „Bevor man die Gesellschaft zum Besseren ändern kann, muss man den einzelnen Menschen zum Guten bekehren“, ist der vielgereiste Kreisstädter überzeugt: „Sonst macht man alles noch schlimmer, wie zum Beispiel der Kommunismus unter Josef Stalin gezeigt hat.“ Immerhin gesteht Klaus Peter Schmitz der roten Ideologie noch eine Absicht zur sozialen Verbesserung zu. Im Nationalsozialismus kann er dagegen nur einen Hang zur unverhohlenen Brutalität erkennen.