Gewalt an Frauen: Steigende Zahlen in den Blickpunkt rücken

In Schwelm gegen Gewalt aktiv: (vorn) Bürgermeister Jochen Stobbe und Landrat Dr. Arnim Brux, gleichzeitig Schirmherr des kreisweiten Aktionstages. Auch Gleichstellungsbeauftragte Susanne Effert informierte auf dem Bürgerplatz mit Informationsblättern und Eiskratzern. (Foto: Frank Schmidt)

EN-Kreis. (zico) „Wir möchten Frauen, die geschlagen wurden, motivieren, sich zu melden und das leider sehr aktuelle Thema ,Gewalt an Frauen‘ aus der Grauzone in den Blickpunkt rücken“, erklärte Landrat und Schirmherr Dr. Arnim Brux am „Tag gegen Gewalt an Frauen“ auf dem Schwelmer Bürgerplatz. Hier und in allen anderen Städten des Ennepe-Ruhr-Kreises wurde an diesem Aktionstag mit der Verteilung von 2.500 Eiskratzern begonnen, die die Aufschrift „Eiskalt gegen häusliche Gewalt“ tragen. Initiiert wurde die Aktion vom „Runden Tisch EN gegen häusliche Gewalt“, der seit 1999 besteht und sich aus Fachleuten der Justiz, der Polizei, dem Opferschutz, den Beratungsstellen, dem Frauenhaus, der Frauenberatung, dem Gesundheitswesen sowie den Gleichstellungsbeauftragten der Städte und der Kreisverwaltung zusammen setzt. Sie arbeiten gemeinsam daran, die Situation der von Gewalt betroffenen Frauen dauerhaft zu verbessern und Gewalt öffentlich an den Pranger zu stellen.

„Eiskalt gegen häusliche Gewalt“ - dafür warben in Ennepetal (von links) Gleichstellungsbeauftragte Kornelia Gabriel, Ulrike Janz (EN-Frauenberatung), Wolfgang Nüsperling (Weißer Ring), Bodo Baumgartner und Frank Fels (beide Polizei). (Foto: Giuliana Vespa)

Wie die Kreisverwaltung mitteilt, verzeichnete die Kreispolizei allein in den vergangenen zwölf Monaten für den EN-Kreis (außer Witten) 196 Fälle häuslicher Gewalt und 112 Wegweisungen der Gewalttätigen aus Wohnungen. In 149 Fällen erfolgte eine Vermittlung der Betroffenen an Beratungsstellen. Im Vergleich zum Vorjahr bedeuten diese Zahlen einen Anstieg von rund acht Prozent. „Die steigenden Zahlen sind alarmierend. Es geht darum, den Frauen aufzuzeigen, dass es viele Hilfsmöglichkeiten gibt“, beteiligte sich Schwelms Bürgermeister Jochen Stobbe ebenso an dem Aktionstag, der seit Jahren auch im EN-Kreis stattfindet. Und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Susanne Effert, ergänzte: Es ist wichtig, dass das Problem nicht beiseite geschoben wird. Gewalt gegen Frauen findet auch hier statt, und darüber muss gesprochen werden.

In Ennepetal wurden ebenso Eiskratzer und Informationsblätter verteilt, die dazu beitragen sollen, dass Betroffene den Mut finden, sich an Beratungsstellen, das Frauenhaus oder die Polizei zu wenden. Ansprechpartner finden sich auf dem Eiskratzer –  dort sind die Rufnummern der Frauenberatung EN, des Frauenhauses EN und der

Setzten in Gevelsberg Zeichen: Bürgermeister Claus Jacobi (2. von links), Gleichstellungsbeauftragte Christel Hofschröer (2. von rechts) und das Team vom aktionsstand. (Foto: Giuliana Vespa)

Opferschutzbeauftragten der Polizei aufgeführt. „Die Palette der praktischen Hilfen reicht vom persönlichen Beratungsgespräch bis zur Aufnahme im Frauenhaus“, so die Ennepetaler Gleichstellungsbeauftragte Kornelia Gabriel vor dem Laden des Ennepetaler Kinderschutzbundes. Der Weiße Ring, der sich die Hilfe für Kriminalitätsopfer zur Aufgabe gemacht hat, bietet ebenfalls Unterstützung an. „Wir bieten finanzielle Unterstützung beim Umzug vom Frauenhaus in ein neues Zuhause, stellen Rechtsberatungsschecks aus und begleiten die Frauen bei Bedarf auch zu Gerichtsterminen“, so Wolfgang Nüsperling, Mitarbeiter des Weißen Rings. EN-Frauenberaterin Ulrike Janz verwies unterdessen auf das Netzwerk „GESINE- Intervention gegen Häusliche Gewalt“, Markgrafenstraße 6, 58332 Schwelm, Ruf 02336/ 475 91 52, das Ansprechpartner für Hilfe suchende Frauen ist.

In Haßlinghausen sensibilisierten (von links) Jana, Anke (beide Frauenhaus-Bewohnerinnen), Marianne Knust (Mitarbeiterin Frauenhaus), Birgid Fischer (Weißer Ring), Bürgermeister Dr. klaus Walterscheid und Bezirks-Polizeibeamter Bernd Pfitzner für das Thema „Gewalt an Frauen“. (Foto: Frank Schmidt)

In Gevelsberg machte die örtliche Gleichstellungsbeauftragte Christel Hofschröer deutlich, dass es nach wie vor viel Aufklärungsarbeit zu leisten gebe: „Der Anstieg der Zahlen deutet zwar darauf hin, dass sich heute mehr Frauen trauen, sich zu wehren, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war. Es gilt aber, auch weiterhin Frauen zu ermutigen, Gewalt zur Anzeige zu bringen. Für Migrantinnen ist es zum Beispiel schwierig, sich vom gewalttätigen Partner zu lösen. Sie haben es ungleich schwieriger, eine neue Perspektive für ihr Leben aufzubauen. Sonja Nestmann vom Kommissariat Vorbeugung war von 2001 bis 2007 in der Wache Gevelsberg im Einsatz und bestätigt aus dieser Zeit, dass eine steigende Tendenz von Fällen auch in der Engelbertstadt zu beobachten war.

In Sprockhövel fand die Aktion unter Mitwirkung von Bürgermeister Dr. Klaus Walterscheid, Birgid Fischer (Weißer Ring), dem Bezirks-Polizeibeamten Bernd Pitzner sowie Bewohnerinnen des Frauenhauses in der Sparkassenfiliale Haßlinghausen statt. Hier verwies die Gleichstellungsbeauftragte Sabine Schlemmer auf die historischen Hintergründe: Hintergrund für die offizielle Initiierung des Aktionstages 1999 durch die Vereinten Nationen war die Entführung, Vergewaltigung und Folterung dreier Schwestern und ihre Ermordung im Jahr 1960. Die Schwestern Mirabal waren in der Dominikanischen Republik von Militärangehörigen des damaligen Diktators Rafael Trujillo verschleppt worden.“ Bezirksbeamter Pfitzner wies darauf hin, dass sich das Bewusstsein vieler betroffener Frauen sich bereits geändert habe: „Früher haben sich die meisten Frauen geschämt; ein blaues Auge oder andere Verletzungen im Freundinnenkreis mit Ausreden erklärt. Das ist heute vielfach nicht mehr so.“ Und Bürgermeister Dr. Walterscheid unterstrich: „Wir müssen immer wieder auf dieses strukturelle Problem der Gesellschaft hinweisen. Gewalt gegen Frauen kommt in allen sozialen Schichten vor. Das Thema geht uns alle an.

Hilfen finden von Gewalt betroffene Frauen u.a. hier:

  • Frauenberatung EN 0 23 36 / 4 75 91 52
  • Frauenhaus 0 23 39 / 62 92
  • Weißer Ring 0 23 33 / 60 90 60
  • Opferschutzbeauftragte der Polizei 0 23 36 /81 98 21 oder 02 34 / 9 09 40 59
  • sowie in akuten Fällen bei der Polizei, Notruf 110.