Grimm nicht nur Märchenonkel

In seiner eindrucksvollen Lesung zeigte der Dichter Günter Grass das Leben und Werk der Gebrüder Grimm in einem neuen Licht. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „Ich bin mehr ein Mann der Zahlen, denn der Buchstaben“, kokettierte Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Thomas Biermann vor wenigen Tagen im Zentrum für Kirche und Kultur bei der Begrüßung des wohl bedeutendsten deutschen Gegenwartsdichters, Günther Grass: „In Deutsch hatte ich immer nur ein ,Befriedigend‘.“ Launig fügte der Sparkassen-Chef hinzu, dass er dem hohen Gast besonders danke, bei der Veranstaltung eines Finanzinstituts zu lesen, wo dieser doch in seinen Werken oft harsche Kapitalismus-Kritik an den Tag gelegt habe.

Dass es dem Nobelpreisträger Günter Grass, den die schwedische Akademie 1999 mit der hohen Auszeichnung bedachte, bei seinem Vortrag mehr um politische Kultur ging, wurde nach den ersten Absätzen aus seinem jüngsten Werk „Grimms Wörter“ schnell klar. „Diejenigen sind nicht die schlechtesten Staatsbürger, die dafür halten, dass die Eide ungebrochen bleiben“, ermahnte Jakob Grimm bei seinem Gang ins hessische Exil in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts seine zurückbleibenden hannoverschen Landsleute. Die etwa 650 gebannt zuhörenden Gäste im Saal, unter ihnen neben Bürgermeister Claus Jacobi und Ehefrau Desirée viel lokale Prominenz, erfuhren im Lauf des Abends aus berufenem Munde, dass die Gebrüder Grimm nicht nur die „Märchenonkel“ waren, als welche sie Eltern ihrem Nachwuchs gern verkaufen.

Nach geistig gehaltvoller, aber auch anstrengender Lesung erfrischte den bedeutenden Literaten sein Glas Rotwein. (Foto: Stefan Scheler)

Stattdessen zeichnet Günter Grass in seinem Spätwerk von 2010 ein Bild von politischer Willkür und bürgerlichem Widerstand, wie er mit viel Euphorie von 1830 bis 1850 edelste Bürgerpflicht war, mit den Gebrüdern Jakob und Wilhelm Grimm an der Spitze. Diese hatten sich empört, als Ernst August von Hannover die Landesverfassung zu seinen Gunsten umschrieb. Zum Eklat kam es, als sieben Göttinger Professoren, die später berühmten „Göttinger Sieben“, öffentlich protestierten. „Das hebt sich wohltuend vom späteren Lehrbetrieb an deutschen Universitäten ab“, referierte Günter Grass: „Bis ins Jahr 1968 regierte dann der Muff von tausend Jahren unter den Talaren; mit Lehrkörpern, die sich ins Private, in die Fachsimpelei oder die eigene Karriereplanung zurückgezogen hatten.“

Neben ihrem politischen Engagement fanden die zu Unrecht als reine Märchendichter bekannt gewordenen Grimms noch Zeit zu ihrem großen Projekt: einem deutschen Wörterbuch. Buchstabe um Buchstabe kämpften sich die Brüder durch Geschichte und Bedeutung von Ausdrücken. Das Politische kam dabei nicht zu kurz, stieß es doch bei der Wortanalyse immer wieder auf, was der Dichter Günter Grass in beeindruckender Weise zu illustrieren wusste. Er zog dabei manchen Bezug zu seiner eigenen Biografie und versagte sich dabei auch einige Rückgriffe auf seine früher verfassten Werke nicht. So konnte der Leseabend zum Beispiel nicht ohne Zitate aus dem wohl berühmtesten und auch verfilmten Werk „Die Blechtrommel“ von 1959 zu Ende gehen, als der Nobelpreisträger – wieder politisch – als Vorbild extremer Unangepasstheit den Wachstumsverweigerer Oskar Matzerath ins Feld führte.

„Sie haben alle Buchstaben im Grimmschen Wörterbuch analysiert“, scherzte Bürgermeister Claus Jacobi bei seiner Danksagung: „Das ,G‘ fehlt mir dabei, steht es doch für unsere Heimatstadt.“ Schmunzelnd klärte Günter Grass vor dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt deren Oberhaupt postwendend darüber auf, dass die Grimms zwar ihr Werk schon vor dem ,G‘ beenden mussten, andere Experten in beiden deutschen Teilstaaten aber bis 1960 an dem Wörterbuch weitergearbeitet hätten und dabei auch bis zu dem von Claus Jacobi vermissten Buchstaben vorgedrungen seien.