Grimm-Verwandter liest in Schwelm

Schwelm. (Sche) „Ich bin ein Ururururenkel eines der Grimm-Brüder“, verkündet Philip Militz, der zusammen mit Carsten Koch am Sonntag, 3. Juni 2012, in der Martfeld-Kapelle in Schwelm selbst verfasste Märchen zu Gehör bringt: „Deren Schwester hat damals einen Herrn Hassenpflug geheiratet, den ich per Ahnenforschung meiner Verwandtschaft zuordnen konnte.“ Außerdem existierte eine gewisse Dorothea Kurzbach, ebenfalls eine Verwandte von Philip Militz, die mit jemandem aus der Grimm‘schen Linie verheiratet war.

Im Saal der historischen Martfeld-Kapelle tragen Philip Militz und Carsten Koch (von links) ihre selbst verfassten Märchen für Erwachsene vor. (Foto: Stefan Scheler)

Vielleicht hat der Journalist ja deshalb in die Welt der Märchen gefunden, die er als wertvolle Lebenshilfe auch für den modernen Alltag sieht. „Ich habe zum Beispiel meiner Tochter mit Hilfe fantasievoller Geschichten die Naturgesetze erklärt“, erzählt der 36-Jährige, der sogar politische Phänomene wie den „Arabischen Frühling“ im märchenhaften Gewand darstellt. „Seit meinem 16. Lebensjahr befasse ich mich mit diesem Metier“, blickt er auf zwanzig Jahre schöpferischer Energie zurück: „Inzwischen trage ich meine Arbeiten öffentlich vor und komme auf etwa 40 Lesungen pro Jahr.“ Diese finden an Orten wie dem Haus Essen, dem Café Stilbruch in Gladbeck oder der Mayerschen Buchhandlung in Bochum statt.

Oft begleitet ihn dabei sein Mitstreiter und Freund Carsten Koch, der ebenfalls das Reich von Elfen und Feen, Helden und Bösewichtern für sich entdeckt hat und selbst mit eigenen Geschichten bereichert. Der 52-Jährige hatte 2006 in der Stadtbücherei Schwelm seine erste Lesung, an die er sich noch mit gemischten Gefühlen erinnert. „Da war nebenan im Rathaus eine wichtige Sitzung“, schmunzelt der Bildungsbegleiter: „Deshalb musste ich meine Märchen vor fast leerem Haus vortragen.“

Diese Situation hat er seitdem selten erlebt, denn sowohl Carsten Koch als auch Philip Militz begeistern mit ihren Geschichten so sehr, dass man bei den Auftritten eine Stecknadel im Saal fallen hören könnte. „Wenn es richtig spannend oder gruselig wird, sind die Leute im Bann des Geschehens“, beobachtet Philip Militz regelmäßig: „Dabei haben wir nicht nur die Absicht, Gänsehaut zu erzeugen, sondern wollen auch Lebensweisheiten vermitteln.“ Da sieht sich bekennende Freimaurer, der auch aus seinem Glauben Stoff für seine Arbeit zieht, in der Tradition seiner berühmten Vorfahren, die es sogar bis ins Hollywood-Kino geschafft haben: „Damals waren Märchen so etwas wie die Vorläufer der heute so beliebten Lebenshilfe-Literatur.“

Beide Autoren haben einen Traum: Sie würden gerne einmal in einer ansprechenden Kulisse einen Märchen-Marathon von 24 Stunden absolvieren. In Schwelm wird es am Sonntag nicht so lange dauern, denn drei Autoren werden je etwa eine Stunde lang vortragen. Dritte im Bunde ist die Wuppertaler Lyrikerin Albertina Sennlaub. „Die ist mit ihren 70 Jahren eine imposante Erscheinung“, schwärmt Philip Militz: „Man muss sie einfach erlebt haben.“

Das Konzept der Veranstaltung ist es nicht, alte Märchen neu zu erzählen, sondern neue Varianten ewig junger Konflikte oder gar neue Ansätze zu entwickeln. „Unsere Märchen sind zeitlos“, erklärt es Carsten Koch: „Wir haben die alten Sagen nicht einfach in ein neues Gewand gesteckt, mit Autos, Computern oder Ähnlichem, sondern haben einen zeitlosen Rahmen geschaffen.“ Die fantasievollen Lebensanleitungen sollen einen Schub in die Zukunft entwickeln, wie es Philip Militz vorschwebt. „Wir sehen in unserer Arbeit die Erfüllung eines Bildungsauftrags“, versichert er.