Gründungsakt in der Bäckerei

Der Obernachbar der Gesellschaft Oberstadt und Nachtwächter, Christian M. Fasel, blickte in seiner Rede auf 75 tolle Jahre zurück. (Foto: Stefan Scheler)

Schwelm. (Sche) „Zwei Institutionen haben die Schwelmer Altstadt über die Stadtgrenzen hinaus ins Gespräch gebracht“, begrüßte Schwelms Bürgermeister Jochen Stobbe die etwa 200 Gäste zur Feier des 75-jährigen Bestehens der Nachbarschaft Gesellschaft Oberstadt im Ibach-Haus vor wenigen Tagen: „Da ist zum einen der bundesweit und international bekannte Schriftsteller und Liedermacher Franz Josef Degenhardt und zum anderen die Gesellschaft Oberstadt, die ihre Geschichte bis zu den Theater- und Humoristenvereinen des Jahres 1935 zurückverfolgt.“ Das Stadtoberhaupt bedauerte in seiner Ansprache, dass es aus dieser Periode nur noch wenige Zeitzeugen gibt, die aus eigenem Erleben von den Anfangstagen dieser Traditions-Nachbarschaft berichten könnten. In Vereinen wie der Gesellschaft Oberstadt, gegründet in düsteren Zeiten und nun ein dreiviertel Jahrhundert alt, sei noch ein echtes soziales Miteinander möglich als Gegenpol zu den flüchtigen Begegnungen im weltweiten Netz oder am Mobiltelefon.

„Die Vereinslandschaft im Schwelm des Jahres 1935 war bereits von der Verbotspolitik der Nationalsozialisten geprägt“, blickte Oberstadt-Obernachbar und Nachtwächter Christian M. Fasel auf die Gründerjahre der Nachbarschaft in der Schwelmer Altstadt zurück. Er gab vor den jeweils vier Vertretern der anderen Brauchtums-Vereine, Probst Heinz-Ditmar Janousek und vielen bekannten Gesichtern der Kreisstadt einen kurzen Überblick über die Entstehungsgeschichte der in den vergangenen Jahren viermal hintereinander beim Heimatfestzug siegreichen Nachbarschaft.

„Es begann alles in der damaligen Backstube von ,Uttermann‘s Backs‘ an der Weilenhäuschenstraße“, schlug das Oberstadt-Urgestein einen weiten Bogen zu noch nicht ganz vergessenen Zeiten: „Der Anlass zur Gründung ist eigentlich unbekannt, und die Keimzelle unserer Nachbarschaft waren der kurz darauf verbotene Turnverein, der Theaterverein und der Humoristenverein. Besonders das Motto der Humoristen, ,Geselligkeit und viel Blödsinn‘ und die Pflege der Volkskunst in

Der Oberstadt-Vorstand mit (von links) Kassierer Andreas Merken, 2. Schriftführer Hans-Walther Wüstermann, Obernachbar Christian M. Fasel, 1. Schriftführer Enzo Caruso, 2. Vorsitzender Karl-Eugen Dittmar und Geschäftsführerin Liane Renkes-Zens freut sich über die aufwändig gestalteten Gedenkplaketten. (Foto: Stefan Scheler)

Form von Musik, Kabarett und Parodie war den damaligen Machthabern ein Dorn im Auge, und so lag eine Neuformierung unter einem neutralen Namen nahe. Die neu entstandene ,Gesellschaft Oberstadt‘ beteiligte sich noch im gleichen Jahr, am 15. September 1935, mit einer kleinen Gruppe von Oberstädtern, um eine rollende Badewanne gruppiert, am so genannten ,Koalenzug (Kohlenzug)‘, um das in damaligen Tagen rege Treiben im alten Schwelmer Strandbad zu parodieren. Vergangene Zeiten eben…

Die Nachbarschaft Gesellschaft Oberstadt, deren Kerngebiet rund um die Altstadt an der Kölner Straße liegt, wählte folgerichtig die Silhouette der Christuskirche mit ihren markanten Türmen zu ihrem Wappensymbol. Im Vordergrund des Wahrzeichens präsentierten sich seit 1950 auf Betreiben der Oberstädter Nachbarn die über die Kölner Straße, Leistraße und Bergstraße gespannten Wäscheleinen, an denen – wie schon anno 1887 – Hemden und Höschen lustig im Wind baumelten.

Die begeisterten Gratulanten bekamen neben einem umfangreichen Schauprogramm mit Irmgard Weinreichs Plattvorträgen, dem Panikorchester, Heimatfest-Mottogeber Mirko Enkhardt, Schlagersänger Klaus Densow und vielem mehr ein Buffet mit Schmackhaften sowie die äußerst witzige Moderation des 1. Schriftführers der Gesellschaft Oberstadt, Enzo Caruso, geboten. „Da ist mir vor den vollen Hundert nicht bange“, lobte Dacho-Vorsitzende Christiane Sartor die Ausrichter der gelungenen Veranstaltung.