Hackmett zum „Lohntütenball“

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Sprockhövel. (Sche) „Das ist schon traurig“, ist die einhellige Meinung in der Nachbarschaft: „Das Lokal war eine Institution in Gangelshausen.“

Die Rede ist vom jetzt erfolgten Abriss der ehemaligen Gaststätte „Zum Uellendahl“ in Haßlinghausen, genauer gesagt: in der Gemarkung Gangelshausen. Hier, im „Drei Städte-Eck“ von Sprockhövel, Gevelsberg und Schwelm, stand die zentrale Begegnungsstätte des Viertels seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. „Entlang der Haßlinghauser Straße in Gevelsberg beziehungsweise der Gevelsberger Straße in Haßlinghausen waren früher die Schienen der Straßenbahn-Linie 1 verlegt“, erinnert sich Nachbarin Annegret Krause: „Und fast genau da, wo heute die beiden Bushaltestellen liegen, war früher der Haltepunkt der Tram.“ Die fleißigen Arbeitsmänner, die seinerzeit mit dem nun schon lange nicht mehr existierenden Verkehrsmittel in den Feierabend fuhren, legten am Uellendahl einen Zwischenstopp ein, der besonders am letzten Freitag im Monat äußerst beliebt war. Dann hatte es nämlich frisches Geld gegeben, und in der Gaststätte konnte der so genannte „Lohntütenball“ steigen. In gemütlicher und oft auch ausgelassener Runde genehmigte man sich das eine oder andere Bier und genoss dazu Brötchen mit dem hausgemachten Mett.

Als letzte Inhaberin musste Andrea Krägeloh mit ansehen, wie der Bagger ihr ehemaliges Schmuckstück nach und nach zerlegte. (Foto: Stefan Scheler)

Der damalige Inhaber Friedrich Krägeloh war nämlich Metzger mit eigener Schlachtung im Haus. „Neben den Mettbrötchen, die es jeden Tag gab, stillte donnerstags noch eine weitere herzhafte Köstlichkeit den Hunger – dann wurde der Fleischwurst-Kessel angeheizt“, erinnert sich die Tochter und spätere „Zum Uellendahl“-Betreiberin Andrea Artzt, geborene Krägeloh. „Die frisch gebrühte und noch warme Wurst habe ich geliebt“, schwärmt Annegret Krause noch heute.

Damit man die so angefutterten Pfunde wenigstens ansatzweise wieder abtrainieren konnte, gab es bis zum Ende der sechziger Jahre eine Bundeskegelbahn im Haus. Die Fleischerei wanderte vom nach Gevelsberg hin ausgerichteten Gebäudeteil in den „Haßlinghauser Flügel“. Der so freigewordene Raum diente als Gesellschaftszimmer, in dem so manche heitere Zusammenkunft stattfand, sich aber auch zahlreiche Trauergemeinden beim Beerdigungs-Kaffee trösteten. Zu den verschiedenen Wahlterminen konnte man in diesem Raum seine Stimme abgeben, zuletzt zur Landtagswahl 2010. Im angrenzenden Schankraum hatten einige Stammgäste am langen Tresen ihren reservierten Platz, welcher mit einem angeschraubten Metallschild gekennzeichnet war. Wo der ehemalige Chef der Gevelsberger Commerzbank-Filiale, Karl Heinz Pöting, sein Feierabend-Bier nahm, war zum Beispiel „Onkel Pö“ zu lesen.

Einige Jahre lang residierte zudem der örtliche Taubenverein in dem Lokal, das aus diesem Grund zeitweilig auch den Namen „Taubenheim“ führte. Und auf dem Vorplatz der Gaststätte stellte fast bis zum Ende des vergangenen Jahrtausends die Sparkasse Sprockhövel jeweils am Montag, Mittwoch und Freitag ihre mobile Filiale auf.

All das ist nun endgültig Geschichte. Vor wenigen Tagen rückte ein stattlicher Bagger an und machte mit lautem Knallen und Rumpeln das vor mehr als hundertzwanzig Jahren von der Familie Hermes erbaute Wahrzeichen des Sprockhöveler Teils von Linderhausen dem Erdboden gleich. Zuletzt stand noch eine Wand des mit Fliesen gekachelten alten Schlachthauses, in dem nicht wenige Hausschlachtungen den Hungrigen zu kulinarischen Freuden verholfen hatten. Dass auch dieser Teil des Gebäudes schließlich im Bauschutt versank, wird höchstens die Schweine freuen…