Henschen hegt Honigsammler

Gevelsberg. (Sche) „Die Bienen stechen mich durchschnittlich zwanzig Mal pro Jahr“, gibt Imker Gert Henschen zu, dass auch sein Fachwissen ihn nicht vollkommen schützt: „Ich bin inzwischen aber so desensibilisiert, dass ich die einzelnen Attacken kaum noch spüre.“

Besonders aggressiv seien die Insekten, wenn sich die neue Brut im Bienenstock befindet. Sonst verhalten sich die schwarz-gelben Gesellen eher friedlich. „Wir vom Imkerverein Gevelsberg achten bei der Auswahl der Königin auf geringe Stechneigung, welche das Oberhaupt des Volkes dann an alle Nachkommen weitergibt.“ Diese Bemühungen laufen aber manchmal leer, wenn die weiblichen Hautflügler bei der Hochzeitsreise Drohnen kennen lernen, deren Erbgut auf mehr Wildheit angelegt ist.

Zehn Völker besitzt Gert Henschen, die in ebenso viel Stöcken mit je einer Königin im Frühjahr am aktivsten sind. „Von April bis Juni ist für den Imker Hochsaison“, erzählt der 71-Jährige: „Dann ist ständiges Umhegen angesagt.“ In dieser Zeit dürfen die fleißigen Insekten ihren Honig selbst verzehren. Danach füllt Gert Henschen die edle Süßigkeit in 500 Gramm-Gläser, welche er in zwei Apotheken und einem Kiosk in Gevelsberg sowie in einem Geschäft seiner Wahlheimat Wipperfürth feilbietet. „50 Kilogramm kommen im Jahr zusammen“, versichert der „Bienenvater: „100 Gläser kann ich abfüllen, aber das Interesse an den Tieren und der Natur überwiegt wirtschaftliche Interessen.“

Hochinteressant ist, wie sich die staatenbildenden Tiere organisieren. Eine zufällig auf dem Flugbrett eines Stockes gelandete Wespe sieht sich sofort heftigen Angriffen der „Hausherrinnen“ ausgesetzt. „Die Aufgaben sind optimal  aufgeteilt“, bewundert Gert Henschen seine Schützlinge: „Neben den allein für die Fortpflanzung zuständigen Königinnen und Drohnen gibt es im Sommer bis zu 50.000 Arbeiterinnen; im Winter sind es etwa 10.000.“ Man entdeckt Polizistinnen zur Bewachung des Fluglochs und der Waben, Soldatinnen zur Verteidigung des Stocks und Arbeiterinnen zum Futtersammeln, der Brutpflege und dem Wabenbau. Das hierbei erzeugte Wachs ist neben dem Honig ein weiteres für den Menschen wertvolles Produkt zum Ziehen wohlriechender Kerzen.

Leider ist die Idylle bedroht. „Da ist zum Beispiel die Varroa-Milbe, welche die Bienen im Verhältnis eins zu eins befällt“, bedauert Gert Henschen: „Das ist etwa so, als wenn jeder Mensch einen Affen auf dem Rücken trägt, welcher ihn aussaugt.“ Das bedeutet, dass bei zahlenmäßiger Überlegenheit des Bienenvolks dieses als Ganzes überlebt; ansonsten folgt die sichere Ausrottung. „Man kann aber etwas gegen die Plagegeister tun“, beruhigt der Imker: „95-prozentige Ameisensäure oder 98-prozentige Oxalsäure beenden das Völkersterben.“ Deshalb befindet sich im Stock ein kleiner weißer Behälter mit der hilfreichen Lösung, welche die Bewohnerinnen allerdings wegen ihres Geruchs nicht wirklich mögen. „Es ist wie beim Menschen“, lacht Gert Henschen: „Medizin schmeckt nicht.“

Die vor Kurzem im südlichen EN-Kreis ausgebrochene so genannte „Faulbrut“, eine von Sporen hervorgerufene Krankheit, welche den Nachwuchs der Honigproduzentinnen befällt, ist in Gevelsberg bisher nur bei einem Volk aufgetreten. „In allen anderen Stöcken ist der Befund noch negativ“, atmet Gert Henschen auf: „Den betroffenen Stamm mussten die Seuchenbekämpfer aber leider vernichten, weil die Krankheit extrem ansteckend ist.“ Bienensterben bedrohen indirekt auch den Menschen, wenn die Bestäubung von Nutzpflanzen zur Nahrungserzeugung ausfällt.

Wer jetzt sein Interesse für die Bienenzucht entdeckt hat, kann sich unter Ruf 02332/ 50044 an Ottmar Roswora vom Imkerverein Gevelsberg wenden, der auch Fachkurse anbietet.