„Ich bin doch auch ein normaler Mensch“

Die Ennepetaler Autorin Britta Kummer („Willkommen zu Hause, Amy“) ist wegen ihrer Behinderung im Alltag immer wieder wenig sensiblen Blicken und Bemerkungen ausgesetzt. Ihre Gedanken dazu hat sie im Text „Ich bin doch auch ein normaler Mensch“ niedergelegt. (Foto: Frank Schmidt)

Ennepetal. (zico) Integration ist eines der beherrschenden Themen dieser Zeit. Meist geht es dabei um Mitbürger ausländischer Herkunft, oft auch um Menschen mit Behinderungen. Für Gehandicapte sind allerdings nicht nur barrierefreie Eingänge zu Ämtern und Geschäften, wichtig – genauso wichtig ist ein „barrierefreier“ Zugang in die Köpfe und Herzen ihrer Mitmenschen.

Auch in einer vermeintlich offenen, aufgeklärten Gesellschaft ist diese Barrierefreiheit vielfach mehr Wunschdenken als Wirklichkeit, wie Britta Kummer aus Ennepetal schon oft erfahren hat. Die 40-jährige Ennepetalerin ist seit Jahren am Multipler Sklerose erkrankt und muss im Alltag sehr oft erleben, dass sie für ihre Mitmenschen eine Sonderstellung einnimmt, die ihr alles andere als lieb ist. Ihre Gedanken hierzu hat sie in einem Text niedergelegt, der darum wirbt, sich in die Lage eines behinderten Menschen hinein zu versetzen.

Der wochenkurier Ennepe-Ruhr war davon so beeindruckt, dass er diesen Text in Auszügen veröffentlicht – denn so wie Britta Kummer geht es vielen Menschen, die auf eine körperliche Einschränkund reduziert werden.

Ich bin doch auch ein normaler Mensch

von Britta Kummer

Nur weil ich auf euch anders wirke, heißt das nicht, dass ich kein normaler Mensch bin. Ich bin genauso ein Mensch wie ihr.

Aber fangen wir von vorne an. Ich bin eine junge Frau und ich bin behindert – und das schon seit einer langen Zeit. Ja, ihr habt richtig gehört. So etwas gib es auf unseren Planeten. Ich habe so meine Erfahrungen mit euch Lieben. Ich kann nicht richtig laufen, und das ist Grund genug für euch, mir hinterherzugaffen oder dumme Kommentare über mich abzugeben. Sicher sieht es für euch lustig aus, wenn ich mich fortbewege, aber glaubt mir, ich mach das nicht, um euch zu belustigen! Ich bin froh, dass ich mich überhaupt noch kurze Strecken auf meinen eigenen Beinen fortbewegen kann. Da sollte es doch völlig egal sein, wie das aussieht. Habt ihr daran mal gedacht, wenn ihr mir hinterhergafft. Oder ist euch mal die Idee gekommen, dass diese Blicke einen Menschen wie mich verletzen können. Hinschauen ja, das ist kein Problem, da weiß man, das die Leute einen wahrnehmen. Aber ich rede von den Blicken, mit denen mich die meisten Menschen anschauen, als wäre ich ein Untier oder ein Mensch von einem anderen Planeten, und das fühlt sich wirklich nicht toll an. Könnt ihr mir glauben.

Sicher denkt ihr euch dabei nichts; vielleicht macht ihr es noch nicht einmal mit Absicht, aber ihr solltet immer bedenken, wenn ihr jemanden anstarrt, dass es sich um einen Menschen mit Gefühlen handelt, und nicht um einen Stein.

Kommen dann auch noch Kommentare, wie zum Beispiel: „Hast du die gesehen. Da läuft ja meine Oma besser, die kann ja gar nicht ihre Füße hochheben, schau nur was für ein Entengang“ oder ähnliche Bemerkungen – glaubt mir, solche Kommentare könnt ihr euch sparen. Denken könnt ihr das gerne, aber manchmal ist es besser, wenn man seinen Mund hält. Denn vielleicht hat diese Person, über die ihr redet, Ohren, die funktionieren. Natürlich kann es sein, das ihr bewusst so etwas sagt und es auch wollt, dass die betreffende Person es hört. Aber wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr an mir vorbei geht und ich über euch eine Bemerkung abgebe. Stellt euch vor, ich mach mich über eure Frisur lustig, wie dick oder dünn ihr seid, dass eure Nase nicht in euer Gesicht passt oder das irgendetwas anderes nicht mit euch stimmt. Glaubt mir, werdet ihr es hören, seid auch ihr nicht begeistert davon. Und je nachdem, um was es sich handelt, seid ihr verletzt und gekränkt. So etwas kann schon wehtun.

Es ist schon etwas länger her. Ich war in der Stadt und bin mit meinem Rollator an zwei älteren Damen vorbeigegangen. Als die eine mich sah, sagte sie – für mich deutlich hörbar – zu ihrer Bekannten: „Hast du die gesehen. Die kann ja kaum laufen, und wie komisch die die Füße hochhebt. Schau dir nur an, wie das aussieht. Ich würde mich so nicht auf die Straße wagen. Die sollte sich doch besser in den Rollstuhl setzen.“ Meine lieben Damen, natürlich sieht das nicht gut aus, aber noch kann ich laufen, und solange das noch geht, werde ich es auch tun, egal ob euch mein Anblick gefällt oder nicht. Als ich das mitbekommen habe, habe ich zu den Damen gesagt, dass sie sich besser um ihre Angelegenheiten kümmern sollten und sich nicht in Sachen einmischen sollten, wovon sie keine Ahnung haben. Und ob ihr es glaubt oder nicht – da wurde ich dann als frech und unverschämt bezeichnet, dass ich keinen Respekt vor dem Alter habe, obwohl ich mich doch nur verteidigt habe. Verrückte Welt!

Mit „Willkommen zu Hause, Amy“ hat Britta Kummer aus Ennepetal kürzlich ihren ersten Roman vorgelegt. (Foto: Frank Schmidt)

Hätte ich im Rollstuhl gesessen, wäre ihnen bestimmt auch etwas eingefallen. Denn wer gerne solche Kommentare über Menschen abgibt, die er nicht kennt, wird immer einen Grund finden, etwas zu sagen.

Vielleicht sagt ihr jetzt, „die Leute meinen es doch nur gut, stell dich nicht so an“. Aber zwischen gut meinen und verletzenden Bemerkungen liegt schon ein großer Unterschied. Wenn es mich wirklich interessiert, was mit einer Person ist, spreche ich sie direkt an, wenn ich den Mut dazu habe und frage, was los ist. Wenn man es wirklich will, findet man immer eine Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen und den wahren Grund dafür zu erfahren, warum sich diese Person so bewegt oder verhält.

Natürlich möchte ein Behinderter auch mal auswärts essen gehen. Aber leider sehen manche Lokale es nicht so gern, wenn man als Behinderter das Lokal betritt. Doch glaubt mir, auch wir können uns gut kleiden und wissen uns zu benehmen. Natürlich bezahlen wir auch unsere Rechnung. Also sollte es für euch kein Problem sein, uns in eurem Lokal willkommen zu heißen. Was in mir wirklich die Wut hochsteigen lässt, sind die lieben Menschen, die meinen, nur weil man körperlich eingeschränkt ist, ist man auch gleichzeitig geistig minderbemittelt. Sicher gibt es auch diese Kombination, aber jeder körperlich Behinderte ist nicht gleich auch geistig krank. Ihr meint, ihr tut uns etwas Gutes, wenn ihr mit uns wie mit einem Baby sprecht und uns auch so behandelt. Doch auch mit uns kann man in ganzen Sätzen sprechen. Versucht es doch einfach mal. Ihr werdet euch wundern. Wir verstehen euch, obwohl ihr normal mit uns redet!

Dann gibt es da noch eine Sache, die mir besonders am Herzen liegt. Nicht genug, dass ihr mich mit euren Blicken straft und mustert, nein, auch die Menschen, die um mich herum sind oder besser gesagt, die sich mit mir zeigen, werden von euren gaffenden Blicken übersät. Ist es für euch so schwer vorzustellen, dass auch ein behinderter Mensch Freunde hat. Gut, dass meine Menschen darüber nur lächeln können, wenn sie von euch gemustert werden. Und sie können auch nur amüsiert den Kopf schütteln, wenn sie eure lieben Kommentare zu hören kriegen, aber es ist bestimmt nicht für alle Betroffene leicht, das so locker wegzustecken.

Ein paar letzte Worte zum Schluss. Glaubt mir, es ist wirklich nicht schwer für euch, wenn ihr uns so behandelt, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Wir beißen euch nicht, stecken euch nicht mit unserer Krankheit an und werden euch auch nichts anderes tun. Denn auch wir können nichts dafür, dass wir gehandicapt sind. Ausgesucht haben wir uns das bestimmt nicht. Ein freundliches Lächeln ist doch nicht schwer, auch nicht gegenüber einem Behinderten. Denn schließlich sind auch wir ein Teil des Ganzen, möchten einfach nur dazugehören und so akzeptiert werden, wie wir sind.

Soweit die Gedanken von Britta Kummer. Bleibt zu hoffen, dass ihr Text auch für Nachdenklichkeit bei jenen Lesern sorgt, die sich schwer tun, behinderten Menschen unbefangen gegenüber zu treten.