Im Konfirmationsanzug zum Schneeschippen verdonnert

Mit der Präsentation der Schwelmer Nachbarschaften im Jahre 2008 auf dem NRW-Tag in Wuppertal sorgten Jürgen Kuss (2. von links) und seine Mitstreiter für überregionales Interesse. (Foto: Günther Lintl)

Schwelm. (zico) „Mein erster Arbeitgeber, Horst Grötsch, ließ mich im Winter noch zum Schnee schippen vor seiner Villa antreten. Es waren halt ganz andere Zeiten“, erinnert sich Jürgen Kuss, Leiter des Fachbereichs Finanzen bei der Stadt Schwelm, an die Anfänge seines Berufslebens im Jahr 1961. Nicht einmal 14 Jahre alt war Kuss, als er im Konfirmationsanzug seine Lehre zum Industriekaufmann antrat – „noch ein Kind“, so der gebürtige Schwelmer, der nicht nur in der Verwaltung, sondern auch im gesellschaftlichen Leben der Stadt prägend gewirkt hat. Am Freitag, 27. Juli 2012, hat der nunmehr 65-Jährige nach 51 Jahren beruflicher Tätigkeit seinen Schreibtisch im Rathaus geräumt und ist in den Ruhestand eingetreten.

In Bundeswehruniform heiratete Jürgen Kuss vor 43 Jahren seine Gisela: „Dafür gab’s vom Bund 80 Mark extra.“ (Foto: privat)

Hatte sich der Lehrling zu Beginn noch ausgemalt, sich später als Textilunternehmer eine selbstständige Existenz aufzubauen, so reifte dann doch früh der Entschluss, zur Stadt Schwelm zu wechseln – „wegen der besseren Perspektiven“, wie Kuss erklärt. Als Angestellter lernte er die Verwaltungstätigkeit von der Pike auf kennen – zunächst noch im alten Rathaus an der Schillerstraße, wo es kaum einen Raum gibt, in dem Jürgen Kuss nicht gearbeitet hat: „Ich habe praktisch in allen Ämtern gelernt.“ Zwischendurch absolvierte er auch seinen Wehrdienst, war in Oedingen bei der Luftwaffe stationiert, ohne selbst jemals festen Boden verlassen zu haben. „Ich habe ausgeprägte Flugangst“, bekennt er. Stattdessen stellte Kuss als Verpflegungsverwalter die Speisepläne auf und wurde dabei selbst etwas fülliger, wie das Foto von seiner Vermählung mit Gattin Gisela beweist: „Ich habe in Uniform geheiratet; dafür bekam man von der Bundeswehr 80 Mark extra.“ Die Ehe, 1969 geschlossen, hat bis heute Bestand; Kuss ist Vater eines mittlerweile erwachsenen Sohnes namens Matthias.

Im zivilen Leben nahm der Volksschulabsolvent ein Jahr unbezahlten Urlaub, um die Mittlere Reife nachzuholen und bildete sich in jungen Jahren mit emsigem Fleiß weiter. Er meisterte den Inspektorenlehrgang, schloss ein dreijähriges Studium mit dem Kommunaldiplom ab und studierte zusätzlich auch Betriebswirtschaftslehre. „Danach war ich der allererste Betriebswirt innerhalb der Schwelmer Stadtverwaltung“, schmunzelt Kuss.

Stolzer Familienvater: Jürgen Kuss mit Sohn Matthias in den 70-er Jahren. (Foto: privat)

Solchermaßen gewappnet, standen dem auf dem Lindenberg Geborenen alle Türen des Rathauses geöffnet – Kuss war im Haupt- und Personalamt, im Liegenschaftsamt, in Kämmerei und Steueramt tätig, wurde 1983 stellvertretender Leiter und 1986 Leiter von Kultur- und Standesamt. In dieser Funktion erweckte er das „Schloss“ Martfeld aus seinem Dornröschenschlaf und belebte es für öffentliche Veranstaltungen – so etwa mit den Neujahrskonzerten, die aus dem städtischen Kalender längst nicht mehr weg zu denken sind.

Kuss, selbst als Trompeter und Posaunist unter anderem bei den Original Sauerländern und im Panikorchester aktiv, pflegte in den Anfangsjahren insbesondere Kontakt zu jungen Musiker und gab ihnen mit den heute stets ausverkauften Neujahrskonzerten eine Bühne. Auch die Ambientetrauungen in Haus Martfeld gehen auf seine Initiative zurück, und so manche Vermählung nahm Kuss selbst vor. „Darunter waren auch Nottrauungen“, erinnert er sich mit Betroffenheit an Paare, die der Tod schon Tage später wieder auseinander riss.

Ihr Besuch löste bei Jürgen Kuss (rechts) und Jürgen Feldmann (oben links) Betroffenheit aus: Der NS-Verfolgte Hans Seibert (links) und seine Frau Bella. (Foto: Heike Rudolph)

Drohungen erhielt er 1989, als er – 50 Jahre nach der Reichspogromnacht – eine mehrtätige Kulturreihe über das Schicksal der Juden während des Nationalsozialismus in Schwelm organisierte. Dazu gehörten Vorträge, Konzerte und hochkarätige Diskussionen. Gemeinsam mit den Kulturausschussmitgliedern Friedhelm Bühne und Jürgen Feldmann besuchte der Verwaltungsfachmann seinerzeit in Straßburg Kurt Seibert, einen Schwelmer, der als Jugendlicher mit seiner Familie das schreckliche Schicksal der Judenverfolgung erlitten und als einziger aus seiner Familie überlebt hatte. Die Stadt lud Kurt Seibert und seine Frau Bella nach Schwelm ein. „Wir sind dann hier die Wege gegangen, die Seibert vor Jahrzehnten gegangen war. Es war erschütternd; mir kamen die Tränen bei dem Gedanken, wie man auch in Schwelm mit Menschen umgegangen ist“, erinnert sich Jürgen Kuss.

Seit 1994 war er Leiter des Fachbereichs Finanzen und nahm das 2008 eingeführte „Neue Kommunale Finanzmanagement (NKF)“ als gelernter Betriebswirt als Herausforderung. Vor dem Hintergrund einer schwierigen Haushaltslage befassten er und seine Mitarbeiter sich mit zahlreichen Haushaltssicherungsmaßen, die in Haushaltsicherungskonzepte einflossen. So freut sich Kuss sehr, dass der Haushalt 2012 mit Sanierungsplan mittlerweile genehmigt worden ist.

Räumte seinen Schreibtisch im Schwelmer Rathaus: Jürgen Kuss, der mehr als 47 Jahre für die Stadtverwaltung tätig war. (Foto: Frank Schmidt)

Aber auch außerhalb der Stadtverwaltung hinterließ Kuss bleibende Spuren, fungierte von Februar 1998 bis Februar 2009 als Vorsitzender der Dachorganisation der Schwelmer Nachbarschaften und entwickelte in dieser Zeit viele Ideen, die den Nachbarschaftsgedanken belebten. Besonders gern erinnert sich der ehemalige Dacho-Chef an die Teilnahme der Schwelmer Nachbarschaften und der Dacho am NRW-Tag Wuppertal im Jahr 2008, als sich die Schwelmer Nachbarschaften vor Tausenden Gästen präsentierten. Jürgen Kuss entwickelte mit den Nachbarschaften auch den „Historischen Stadtrundgang“ und analog dazu den „Stadtrundgang von Kindern für Kinder“. Zahlreiche weitere Initiativen gehen auf Jürgen Kuss zurück – etwa die Pflege der Tradition von „Kaal & Krischan“, den beiden Schwelmer „Füöllschnuten“. Außerdem war Kuss stolze 25 Jahre ehrenamtlich Redaktionsleiter und Autor der Dacho-Zeitung mit Reportagen rund um das Heimatfest und die Heimatkunde.

Auch im Ruhestand wird Jürgen Kuss aktiv bleiben, sich seinen Hobbies widmen, zu denen Geschichte, die Erkundung der Natur und Reisen zählen. Und natürlich die Musik, denn, so der frischgebackene Pensionär: „Ohne Musik kann ich nicht leben.“ Erinnern wird man sich im Rathaus aber vor allem an einen sehr verständnisvollen Vorgesetzten. „Ich bin als Chef anders gewesen, als ich es aus meinen Lehrlingstagen kenne“, erinnert sich der Anhänger Luthers ans Schnee schippen im Konfirmationsanzug: „Als Chef sollte man Menschen mögen.“

Mit dieser Überzeugung wird Jürgen Kuss im gesellschaftlichen Leben Schwelms sicherlich auch nach seinem Berufsleben eine wichtige Rolle spielen…