Immer schneller, weiter, höher?

In wenigen Tagen tauscht Pfarrer Thomas Weber den Platz hinter dem Altar gegen einen Sitz auf der Tribüne des Olympiastadions in London. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „In Vancouver wollten sie die schnellste Bobbahn der Welt haben“, erinnert sich der Gevelsberger Pfarrer Thomas Weber an olympische Winterspiele, bei denen er auch schon als Mannschafts-Seelsorger im Einsatz war: „Die Folge war ein tödlicher Unfall, der die anderen Athleten aufs Tiefste verstört hat.“ Dann ist es die Aufgabe des 52-Jährigen, den Sportlern den Bezug zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben aufzuzeigen.

„Der olympische Gedanke ,citius, altius, fortius – schneller, weiter, höher‘ darf nicht allein im Vordergrund stehen“, bezieht sich der evangelische Theologe, der selbst ein begeisterter Tennisspieler und Handballer ist, auf die christlichen Werte: „Vielmehr sollte immer der Mensch um seiner selbst willen zählen, und nicht das, was er leistet.“

Dass dem leider nicht immer so ist, hat der Gottesmann bei den vier Olympischen Spielen, zwei im Sommer und zwei im Winter, die er bisher seelsorgerisch begleitet hat, erfahren müssen. „Da gibt es Mannschafts-Manager, die am Abend nur den Computer starten, um rein statistisch Zeiten und Weiten abzugleichen. Der Medaillenspiegel wird zum Maß aller Dinge.“ So wichtig Sport auch für Gesundheit und Wohlbefinden sei, im Spitzensport gebe es Tendenzen, an denen Menschen zerbrechen können. Das wissen wir nicht erst seit der tragischen Selbsttötung von Hannover 96-Torwart Robert Enke.

Umso wichtiger nimmt Thomas Weber seine Arbeit, für die er jetzt drei Wochen lang in der britische Hauptstadt weilt und sich eine Teamkluft anzieht, um die deutschen Teilnehmer in glücklichen Momenten, aber auch in kritischen Phasen betreuend zu begleiten. „In Peking gab es nach einem wahren Goldsegen eine kleine Feier bei einer Schwimmerin, die ich jetzt namentlich nicht nennen will“, bezieht sich der Pfarrer auf eine Situation, die gewissermaßen dem Beichtgeheimnis unterliegt: „Voll Glück über ihr gutes Abschneiden bat sie mich, einen improvisierten Gottesdienst abzuhalten.“

Die Kehrseite der Medaille, um im Bild zu bleiben, sind Olympia-Teilnehmer, bei denen es nicht so gut lief. „Die haben sich jahrelang auf einen vielleicht nur sehr kurzen Moment vorbereitet, in dem dann alles klappen muss“, kann der Seelsorger den Stress nachfühlen, unter dem Spitzensportler stehen: „Wenn es dann nur der vierte oder fünfte Platz wird, sind sie in den Augen der Öffentlichkeit die Verlierer, obwohl schon ein solcher Rang bei so einem Sportereignis den meisten Athleten verwehrt bleibt.“

Die Menschen dann aus dem tiefen Loch, in das sie emotional gefallen sind, herauszuholen, ist mit den Argumenten der christlichen Werteordnung nicht immer einfach, denn nicht alle sind gläubig. „Die zu mir kommen, haben allerdings schon eine Vorstellung von Gott“, gibt Thomas Weber zu bedenken: „Dann gelingt es auch, sie wieder aufzurichten.“ Dabei hilft eine kleine Broschüre, die er mit Kollegen verfasst hat und „seinen Schäfchen“ an die Hand gibt. Darin sind Stellen aus dem Neuen Testament der Bibel zitiert und kommentiert, in denen deutlich wird, dass Leistung und Erfolg nicht die Quintessenz des Lebens sind und nicht sein dürfen.

Mit solchem geistigen und geistlichen Rüstzeug im Gepäck bricht der Pfarrer aus dem Gemeindehaus Berge in wenigen Tagen als Mitfahrer im Pkw eines Kollegen auf, um sein Quartier in der City of London, unweit der Tower Bridge, für drei Wochen zu beziehen. „Heute gibt es ja genug schnelle Kommunikations-Kanäle“, verspricht er seiner Gemeinde, auch in London erreichbar zu sein: „Das ist übrigens auch ein großer Trost für die Sportler, die sogar bei Olympia ihre Angehörigen zumindest in virtueller Nähe wissen.“