Jacobi sagt WM-Übertragungen ab

Gevelsberg. (zico) „Der Ball ist rund“ – diese nicht ganz neue Weisheit hat nun auch Einzug ins Gevelsberger Rathaus gehalten, wo man eigentlich für Mittwoch und Sonntag große öffentliche Übertragungen der deutschen Spiele im Rahmen der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft im Zentrum für Kirche und Kultur geplant hatte. Fans und Experten hatten ja auch nie einen Zweifel daran, dass Deutschland, der Titelträger von 2003 und 2007, erneut ins Endspiel einziehen würde. Doch nach dem 0:1 vom Samstag gegen die Japanerinnen ist das Damenteam mit der Gevelsbergerin Alexandra Popp aus dem Rennen, und die Pläne für die Großleinwand-Übertragungen verschwinden in der Schublade.

Nach dem WM-Sieg der weiblichen U20-Nationalmannschaft präsentierte Alexandra Popp in Gevelsberg die Pokale für die beste Spielerin und die Torschützenkönigin des Turniers. Bei der WM der Damen im eigenen Land konnte die frühere Silschederin indes keine Trophäen erobern. (Foto: Archiv/Scheler)

„Wir hätten auch schon eine Übetragung für das Viertelfinale organisieren können, aber wir wollten warten, bis der ,Hype’ noch größer wird“, erklärte Gevelsbergs Bürgermeister Claus Jacobi bei der Vorstellung der Großübertragungen das Vorgehen der Stadt. Nun aber, nach der unerwarteten Pleite, ist die Begeisterung für die deutschen Damen auf dem Nullpunkt – nicht nur Bundestrainerin Silvia Neid, sondern auch Jacobi und seine Mitstreiter haben sich gründlich verpokert. Vielleicht war es ja gerade der zu seltene Einsatz jener Spielerin, der die Gevelsberger Sympathien gelten – Alexandra Popp aus Silschede hatte in den Testspielen vor dem Turnier zahlreiche Treffer zu den deutschen Siegen beigesteuert, mit ihrer Antrittsschnelle und platzierten Schüssen geglänzt, war aber bei der WM nur eine Randfigur. Im Japan-Spiel kam sie erst in der 102. Minute aufs Feld – zu spät, um noch entscheidend einzugreifen. Dazu kamen die Unruhe im Team, das Verblassen des Mannschaftsstars Birgit Prinz, die spielerisch schwachen Vorstellungen in der Vorrunde, die von vielen Medien hochgepuschte Begeisterung für das Turnier im Allgemeinen und die deutsche Mannschaft im Besonderen. Die Akteurinnen hielten dem Druck nicht stand, und auch die Marschroute der Bundestrainerin wird zunehmend kritisch hinterfragt.

Vor wenigen Tagen hat dies im Gevelsberger Rathaus noch niemand geahnt. Freudig wurden die Vorbereitungen auf die geplanten Übertragungen im Zentrum für Kirche und Kultur, denen bis zu 700 Menschen beiwohnen sollten, präsentiert. „Wir haben eine Großbildleinwand von drei mal fünf Metern Größe. Wenn sich zeigen sollte, dass mehr Menschen schauen möchten als 700 Fans, werden wir das Finale an mehreren Orten übertragen. Und wenn Alex Popp wirklich Weltmeisterin wird, dann lässt sich die Stadt auch noch eine Überraschung einfallen“, kündigte Claus Jacobi vor dem WM-Aus an: „Wir glauben an das deutsche Nationalteam und an Alexandra Popp und sind deswegen auf das Halbfinale und auch auf ein deutsches Endspiel im Zentrum für Kirche und Kultur eingerichtet.“

Der Stammverein von Alexandra Popp, der FC Schwarz-Weiß Silschede, wird nun zwar nicht von der Bewirtung profitieren, die er im Zentrum für Kirche und Kultur übernehmen sollte, wohl aber von der gestiegenen Aufmerksamkeit für den Frauenfußball, die die WM hervor gerufen hat. „Die E-Jugend, der die Auflösung drohte, steht nun wieder mit einem Kader von 17 Spielerinnen da“, freuen sich die Trainerinnen Sabrina Orthen und Stefanie Schulte. Und auch die in der E-Jugend kickenden Mädchen Selina Cornelsen, Zoe Osenberg und Pauline Orth spüren das gewachsene Interesse. „Ich werde in meiner Klasse viel öfter darauf angesprochen, dass ich Fußball spiele“, berichtete zum Beispiel die zehnjährige Selina.

Im Februar 2010 wurde Alexandra Popp zum ersten Mal in den Kader der A-Nationalmannschaft der Frauen berufen und feierte ihr Debüt gegen Nordkorea. Beim Algarve Cup gelangen ihr beim 7:0 gegen Finnland am 26. Februar des gleichen Jahres ihre ersten beiden Länderspieltore. Bei der U20 Frauen-Weltmeisterschaft 2010 in Deutschland gewann sie nicht nur mit ihrer Mannschaft den Titel, sondern traf auch in jedem Spiel das Tor. Mit insgesamt zehn Turniertreffern wurde sie im Anschluss an das Turnier mit dem „Goldenen Schuh“ für die beste Torschützin und dem „Goldenen Ball“ für die beste Spielerin des Turniers ausgezeichnet. Auch im Gevelsberger Rathaus wurde die gebürtige Wittenerin, die bis 2006 in Silschede spielte, dann nach Recklinghausen wechselte und seit 2008 beim Bundesligisten FCR Duisburg auf Torejagd geht, vor einem Jahr begeistert empfangen.

Thomas Bühne, Vorsitzender des über 400 Mitglieder zählenden FC Schwarz-Weiß Silschede, zeigte sich nach dem Ausscheiden sichtlich enttäuscht – auch darüber, dass es nun nicht zu den öffentlichen Übertragungen bei freiem Eintritt kommt: „Wir hätten uns gern in diesem Rahmen präsentiert und uns auch über die einnahmen aus der Bewirtung gefreut.“ An der Taktik der deutschen Elf wollte Bühne nicht herumnörgeln: „Ich bin da nicht nah genug an der Mannschaft, um zu behaupten, mit Poppi wäre es anders gelaufen. Die gezeigte Leistung gegen Japan war insgesamt nicht zufrieden stellend. Wenn Alexandra weiter auf ihrem Niveau bleibt, wird sie zu einer Leistungsträgerin der deutschen Elf heranwachsen – Birgit Prinz scheidet ja aus, und auch Ariane Hingst und Inka Grings sind schon im fortgeschrittenen Fußballerinnenalter.“ Entäuschung war auch aus dem Rathaus zu hören. „Die Übertragungen fallen nun leider aus“, so Petra Akin aus dem Vorzimmer des Bürgermeisters.