Längstes Straßenindustriemuseum der Welt fasziniert Ennpetals Gäste

Ennepetal. (zico, 12.05.2010)

Lokale Helden stellt die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 Woche für Woche in den 53 Städten vor, die zur Ruhrregion zählen. Ganz besonders verdient, herausgestellt zu werden, haben es sicherlich die Aktivisten der Kulturschmiede Ennepetal, die sich Mitte der 80-er Jahre daran begaben, das Erbe der Frühindustrie im öffentlichen Raum der Klutertstadt zu bewahren. Letztlich gelang es einer nur circa zehn Personen zählenden Gruppe, rund 30 vielfach tonnenschwere Industriedenkmäler im Stadtbild zu platzieren und damit die Tradition der industriellen Frühgeschichte in Ennepetal zu bewahren.

Diese Aufgabe übernahmen vor wenigen Tagen Friedrich-Wilhelm Schlottmann, Gründungsmitglied des Vereins Kulturschmiede Enneoetal, sowie Theo Bickiung, Vorsitzender des Heimatvereins Milspe, die den – zu wenigen – Interessierten im Haus Ennepetal vor wenigen Tagen Geschichte und Potential des längsten Straßenmuseums der Welt vorstellten.

Der Ausgangspunkt für die Geschichte des Museums ist schnell erzählt: Als am 1. April 1986 von der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld einzigartige Bronze-Plastiken zur Aufstellung auf dem Milsper Marktplatz an die Stadt Ennepetal gestiftet wurden, kam Dr. Walter Knuff schnell auf die Idee, die Geschichte der heimischen Industrie auch anhang von Original-Exponaten im öffentlichen Raum zu dokumentieren. Und gemeinsam mit Mitstreitern wie Friedrich-Wilhelm Schlottmann, der das Erbe der industriellen Väter bis heute hoch hält, gelang es ihm, rund 30 Exponate im Stadtbild Ennepetals zu platzieren. An folgenden Standorten lässt sich die industrielle Frühgeschichte Ennepetals nachvollziehen:

1. Schleifstein Voerder Straße 14: Dieses Exponat stammt aus der Amboss-Schmiede Ernst Refflinghaus im Heilenbecker Tal. Bis 1974 wurden mit diesem Schleifstein die Amboss-Bahnen (Verschleißplatten) geschliffen.

2. Stabstahl-Schere Voerder Straße 21: Die einarmige Exzenter-Presse diente in der ältesten Schraubenfabrik Deutschlands, Altenloh Brinck & Co., zum Zerschneiden von sechs Meter langen Rundstäben. Die Stabstücke wurden zu Schrauben weiterverarbeitet.

3. Amboss Voerder Straße 38: Diese Ambossteile stammen aus dem 1878 gegründeten Ambosswerk August Refflinghaus aus dem Heilenbecker Tal. Der Amboss diente als Unterlage beim Handschmieden. Das Amboss-Gewicht liegt zwischen 15 und 600 Kilogramm.

4. Brunnen auf dem Marktplatz: Die Bronze-Plastiken auf dem Marktplatz in Ennepetal-Milspe waren ein Geschenk der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld. Der Brunnen stellt die beiden schnellfließenden Flüsse Ennepe und Heilenbecke mit den vielen Wasserrädern und Hammerteichen dar.

5. Shaping (Kurzhobelmaschine) Voerder Straße 47: Ein solcher Shaping war in jedem Werkzeugbau und in jeder Schlosserei vorhanden und diente zur Bearbeitung von Werkzeugen aller Art. Dieses Exponat hat lange Jahre in der Fa. Gebr.Born am Deterberg seinen Dienst getan.

6. Luftdruckhammer Voerder Straße 52: Dieser Luftdruckhammer stammt aus dem Ahlhauser Hammerwerk, dem ältesten Werk im südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis. Hiermit wurden Spitzhacken, Platthacken und andere Werkzeuge geschmiedet.

7. Schwingpflug Voerder Straße 67: Die Verschleißteile der Pflüge, vor allem Pflugschare, wurden in großen Stückzahlen von EnnepetalerFirmen gefertigt, z. B. Bröking, Hesterberg & Söhne, Hasenclever, CarlAugust Bauer und Wirth.

8. Wendepflug Voerder Straße 79: Die beiden Pflugkörper sind Teile eines Wendepfluges. Die Vorläufer konnten den Erdstreifen nur nach einer Seite wenden. Beim Wendepflugkörper benutze man zwei Pflugkörper, die ein Wenden auch in entgegengesetzter Richtung ermöglichten.

9. Federhammer Voerder Strasse 97: Der hier ausgestellte Federhammer, (Schnellschlag-hammer) stammt aus der Firma Wirth und war spezialisiert zum Ausschmieden von Buschmessern, Feilen, Sicheln und Sensen. Mit dieser Hammertechnik war es möglich, mit 400 Hüben pro Minute schneller und besser zu produzieren.

10. Einarmige Exzenterpresse Voerder Strasse 97: Hier steht die älteste Maschine des Straßen- Industriemuseums, sie ist ca. 180 Jahre alt. Das Untergestell war nicht mehr auffindbar, es ist also nur das Oberteil zusehen. Im Ahlhauser Hammerwerk wurden hiermit Nageleisen gespreizt und gebogen.

11. Doppelarmige Exzenterpresse Voerder Strasse 111: Diese Kurbel- oder Schwungradpresse wurde in der Fa. Paul Klein für die Massenproduktion von Blechstanz-teilen (z.B. Scharniere) eingesetzt. Sie hatte einen Arbeitsdruck von 25 bis 30 Tonnen.

12. Einarmige Exzenterpresse Parkplatz Haus Ennepetal: Zu sehen ist hier die größte und schwerste einarmige Exzenterpresse des Straßen-Industriemuseums. Gewicht: 16 Tonnen, Druckleistung: 350 Tonnen. Sie stammt aus der Firma Huckenbeck im Heilenbecker Tal.

13. Langhobelmaschine mit Schleifstein, Schule Wassermaus Deterberger Straße: Diese Langhobelmaschine stammt aus der Fa. Ernst Refflinghaus und hat Ambossbahnen glattgehobelt und geschliffen. Im Hintergrund ist ein Schleifstein zu sehen.

14. Langhobelmaschine Berufskolleg Wilhelmshöher Straße: Auf dem Parkplatz der Berufsbildenden Schule steht diese Langhobelmaschine. Damit wurden bei der Firma Heringhaus an der Fuhr große Werkzeug-blöcke bearbeitet.

15. Fallhammer mit Schmiedeofen Schule Friedenshöhe: Auf dem Schulhof sehen Sie einen Riemenfallhammer mit einem Bärgewicht von 30 kg. Im nebenstehenden Schmiedeofen wurden die Rohlinge auf Schmiedetemperatur gebracht (ca. 1200 Grad Celsius).

16. Press-Formmaschine Ecke Mittel-/Loher Straße: Diese Formmaschine ist ein Exponat der Firma Carp & Hones in Ennepetal-Verneis. Die Maschine war für die Gießtechnik von großer Bedeutung. Vor der Erfindung solcher Maschinen musste man den Formsand mühevoll und langwierig von Hand in die Formkästen einstampfen.

17. Formkästen und Schere Ecke Mittel/Neustraße: Die Kästen werden versetzt angeordnet, damit man die einzelnen Formkästen von unten nach oben mit flüssigem Metall ausfüllen kann. Neben den Kästen ist ein Tiegel mit Traggabel (Schere) zu sehen.

18. Friktionspresse Schulhof Reichenbach-Gymnasium: Die Presse hat ein Gewicht von 5 Tonnen und eine Druckleistung von 100 Tonnen. Das Heben und Senken des Stempels (Bär) erfolgte bei diesen Maschinen ausnahmslos durch die Friktion (Reibung).

19. Karrenpflug Hülsenbecker Tal: Dieser Karrenpflug, Baujahr 1943, wurde von Dieter Morhenne aus Rüggeberg gestiftet.

20. Mühlstein Hülsenbecker TalI: In der Nähe des Wasserrades befindet sich dieser Mühlstein. Die Exponate werden auf ansprechenden Tafeln erklärt.

21. Wasserrad Hülsenbecker Tal: Dieses Wasserrad stammt aus den Brandshauser Hämmern und trieb dort ein Gebläse an. Das Hammerwerk wurde 1735 erbaut, 1958 stillgelegt und 1971 abgerissen.

22. Riemenfallhammer Wilhelmstraße: 2Dieser Riemenfallhammer hat bei der Firma Gebrüder Klein in Altenvoerde seinen Dienst getan. Hiermit wurden Gebrauchsgegenstände wie z. B. Hufbeschläge im Gesenk geschmiedet. Diese Hämmer haben seinerzeit in unserer Region das Industriebild geprägt.

23. Säulenbohrmaschine Lindenstraße 31: Die Maschine ist ein Unikat der älteren freistehenden Säulenbohrmaschine aus dem vergangenem Jahrhundert. Sie stand bis 1983 in der Modellabteilung der Firma Saure in Voerde.

24. Friktionspresse Ecke Linden-/Hagener Straße: Mit dieser Presse aus der Firma Carl August Bauer wurden Bolzen mit Vierkant-, Sechskant- und Rund-Köpfen hergestellt. Diese Presse war auch als „Vincentpresse“ bekannt.

25. Schwungrad Wilhelmstraße 76: Vor dem Existenzgründer- und Technologie-Zentrum (ZET) wurde von der „Kultur-Schmiede Ennepetal“ ein achtarmiges Schwungrad aufgestellt. Es stammt aus der Fa. Peter Schöttler, Hagen-Haspe. Durchmesser: 5,20 Meter – Gewicht : 7000 Kilogramm.

26. Kurbelpresse Realschule (Breslauer Platz): Mit dieser doppelarmigen Exzenter-Presse, auch Kurbel- oder Schwungrad-Presse genannt, wurden in der Firma Carl August Bauer große Schmiedestücke entgratet. Sie hat einen Arbeitsdruck von 80 bis 100 Tonnen.

27. Richtwalze Schulhof Effeyschule Amselweg: Diese Richtwalze ist ein Exponat der Westfälischen Metall-Locherei Fahl, Voerde. Damit wurden Bleche bis zu einer Stärke von 5 Millimetern, die beim Lochvorgang deformiert waren, wieder geradegerollt.