„Lilli“ gefällt es auf dem Schoß

Die 75-jährige Margarete Hofmann, früher selbst Hundebesitzerin, hat das weiße Wollknäuel „Lilli“ in ihr Herz geschlossen. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „Tessa, räum’ mal die Tasche ein“, ruft Cordula Karsten ihrer drei Jahre alten Mischlingshündin zu. Geschickt packt das Tier sofort Kegel und Bälle eines zuvor ausgetragenen Spiels in die Bereitschaftstasche der Tierpädagogin, die als Unterstützung des dortigen Sozialen Dienstes einmal pro Woche mit ihren zwei Vierbeinern in das Awo- Seniorenheim Kampstraße in Gevelsberg kommt. „Das Taschepacken ist eine Premiere, sie hat so etwas noch nie gemacht und intuitiv das Richtige getan“, freut sich die Hundeliebhaberin, welche zu Hause noch zwei Meerschweinchen, zwei Kinder und einen Ehemann beherbergt. „Eine richtige Arche Noah“, lacht sie.

„Cordula Karsten hilft uns sehr bei unserem Bestreben, emotionalen Zugang zu den uns anvertrauten Personen zu gewinnen“, freut sich Wolfgang Krawczyk vom Sozialen Dienst über den „tierischen“ Beistand: „Es nehmen regelmäßig 15 bis 20 Senioren an diesen Veranstaltungen teil, und besonders die Bewohner, welche früher selbst einen Hund hielten, zeigen reges Interesse.“ So zum Beispiel Wilma Zumbusch, die sich immer noch mit Freude und ein wenig Wehmut an ihren Foxterrier „Lotti“ erinnert. „Wir haben sie an der Ennepetalsperre begraben“, seufzt die 86-Jährige. Auch Margarete Hoffmann hat Erfahrung mit den wuscheligen Vierbeinern. „Mein Spitz „Flocki“ ist früher hinter jedem Fahrrad her gerannt“, schmunzelt die 75-Jährige, während sie Therapiehund „Lilli“ auf ihrem Schoß knuddelt: „Das war ein richtig frecher Bursche, nicht so zahm wie sie hier.“

Aber nicht nur die Zielgruppe der ehemaligen Hundebesitzer, welche ihre Tiere leider nicht ins Heim mitnehmen durften, will Cordula Carsten mit der Aktion ihres Vereins „Pädagogik mit Hund“ ansprechen. „Die Tiere brechen mit ihrem ruhigen und vertrauensvollen Verhalten das Eis“, hat die 41-Jährige aus zahlreichen Begegnungen gelernt: „Auch teilweise in ihren Zimmern vereinsamt lebende Menschen tauen regelrecht auf, wenn die Hunde zu Besuch kommen.“

„Tessa“ im schwarzen Fell hilft beim Packen der Bereitschafts-Tasche, mit welcher Cordula Karsten zu ihren Terminen fährt. (Foto: Stefan Scheler)

Das konnten die im Aufenthaltsraum des Seniorenzentrums Kampstraße vor wenigen Tagen Anwesenden vor Ort hautnah erleben, als die beiden überaus gutmütigen Fellträger „Tessa“ und „Lilli“ ihre Kunststücke vorführten oder sich einfach einmal nur kraulen und streicheln ließen. „Tessa“ konnte bei einem Kegelspiel die Bälle wieder einsammeln, und „Lilli“ wagte den Lauf über eine Wippe; für Hunde keine leichte Übung, da diese sensiblen Tiere keine schwankenden Planken mögen. „,Tessa’ und ,Lilli’ sind auch etwas irritiert, wenn etwas herunterfällt“, berichtet Cordula Karsten: „Aber sie haben sich dank ihrer guten Erziehung schnell wieder im Griff.“ Diese Charakterbildung hat die gelernte Erzieherin nicht mit Härte und Strafen, sondern mit konsequenter Belohnung bei akzeptiertem Verhalten erreicht.

Auch zu den Terminen im Seniorenheim gibt es reichlich Leckerli für die Hauptakteure, die allerdings ihren angeborenen Fressdrang sehr gut im Zaum halten können. So legt Cordula Karsten auf dem Boden mehrere der verlockenden Fleisch- und Käsebrocken aus, ohne dass die Hunde sie berühren, sofern die „Rudelführerin“ vorher das Kommando „Nein“ gegeben hat. „Das ist wichtig bei Spaziergängen, wenn scheinbar fressbare Dinge auf dem Boden liegen“, erläutert die Hunde-Expertin: „Schnell hat sich auf diese Weise ein Tier an unbekannten Substanzen vergiftet.“

Ihrer Aufgabe, das Leben der Heimbewohner etwas abwechslungsreicher und fröhlicher zu gestalten, kommen die Vierbeiner aus reinem Spieltrieb nach; allerdings brauchen sie wegen der damit verbundenen Anstrengung nach spätestens zwei Stunden eine Pause. Den Einwand, es bestünde bei den Besuchen ein Hygiene-Risiko, entkräftet Wolfgang Krawczyk mit den Worten: „Da hilft Sagrotan, aber für die Seele ist es machtlos.“