Lina Ammor: Aktiv in Musik, Politik und Ehrenamt

Gevelsberg. (je) Die Tätigkeiten von Lina Ammor kann man im positivsten Wortsinne wohl am besten mit einem Begriff umschreiben: umtriebig. Die 26-Jährige arbeitet hauptberuflich und sehr erfolgreich als Sängerin. Dazu sitzt sie aber auch als jüngstes Mitglied im Rat der Stadt Gevelsberg und bringt sich ehrenamtlich im Stadtgeschehen ein.

Mit dem Wochenkurier sprach sie im Vorfeld ihres Auftrittes beim „Boulevard Gevelsberg“ am Sonntag, 29. Mai 2016, über ihr breit gefächertes Engagement.

Wochenkurier: Frau Ammor, die wichtigste Frage vielleicht zuerst: Wie spricht man Ihren Namen aus?

Lina Ammor (lacht): So wie man ihn schreibt, mit schnellem M und kurzem O. Also weder wie den römischen Liebesgott Amor noch wie Amore oder gar Amour, also Liebe auf Italienisch bzw. Französisch. Denn auch wenn mich viele so aussprechen oder gar schreiben und denken, Ammor wäre ein Künstlername: ich heiße wirklich so.

Aber ein typischer Name für unsere Gegend ist es nicht …

Lina Ammor: Meine Familie stammt aus Marokko, väterlicherseits habe ich jedoch spanische Vorfahren. Meine Eltern sind vor vielen Jahren nach Hannover gekommen, wo ich die ersten 17 Jahre meines Lebens verbracht habe. Danach sind wir nach Düsseldorf gezogen, wo ich später auch Politikwissenschaft studiert habe.

Und wie hat es Sie dann nach Gevelsberg verschlagen?

Lina Ammor: Ich habe während meines Studiums in einer Wohngemeinschaft gewohnt, die sich 2012 jedoch aufgelöst hat. Meine Mutter war schon ein paar Jahre eher nach Gevelsberg gezogen und betreibt hier ein Modegeschäft. Da die Mieten in Gevelsberg viel günstiger als in Düsseldorf sind, es aber verkehrstechnisch wirklich gut liegt, bin ich meiner Mutter dann gefolgt. Ich fühle mich hier sehr wohl, ich brauche nicht jeden Tag Halligalli. Und wenn ich doch mal was größeres unternehmen will, bin ich ruckzuck mit dem Zug oder Auto in Bochum, Wuppertal, Dortmund …

Gevelsberg ist für Sie aber scheinbar doch viel mehr als nur ein Wohnort. Obwohl Sie erst seit vier Jahren hier leben, sind sie politisch aktiv, sitzen für die SPD als jüngstes Mitglied im Stadtrat. Wie ist es dazu gekommen? Waren sie schon vorher politisch aktiv?

Lina Ammor: In die SPD bin ich erst 2013 eingetreten. Schon als Kind habe ich mich immer für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und eine Lehrerin hat mir bereits damals empfohlen, mich politisch zu engagieren. In Gevelsberg bin ich mit SPD-Mitgliedern in Kontakt gekommen und es stand schnell fest, dass das meine Partei ist. Bei der Kommunalwahl 2014 bin ich dann über einen Listenplatz in den Rat gerutscht.

Die SPD hat damals unglaubliche 63,5 Prozent geholt, Claus Jacobi wurde gar mit 88 Prozent als Bürgermeister bestätigt. Bundesweit hingegen ist die Sozialdemokratie derzeit auf dem absteigenden Ast. Was meinen Sie, woran kann das liegen? Und wie ist das Geschehen so in einem Rat, in dem eine Opposition eigentlich kaum Einfluss hat?

Lina Ammor: Ich denke, das Wahlergebnis ist auf den Bürgermeister zurück zu führen. Gevelsberg hat Jacobi gewählt, die SPD hat davon profitiert. Die Opposition im Rat ist allerdings gar nicht leise, es wird viel diskutiert. Und spannend bleibt es so oder so, weil man nie weiß, was am nächsten Tag für Themen kommen. Auch unsere Arbeit wird ja vom Weltgeschehen beeinflusst.

In ganz Europa findet derzeit ein politischer Rechtsruck statt, bundesweit legt die rechtspopulistische AFD in Umfragen immer weiter zu. In Gevelsberg hingegen versucht man offiziell stets eine Willkommenskultur zu leben. Wie ist Ihre Erfahrung im politischen Tagesgeschäft, sind die Gevelsberger wirklich alle so weltoffen?

Lina Ammor: Leider höre ich in persönlichen Gesprächen immer öfter von Leuten, dass sie mit der AFD sympathisieren. Vielfach fallen diese auf Hetze herein, die sie bei Facebook lesen. So ist die Rede davon, dass Geflüchtete Begrüßungsgelder in vierstelliger Höhe bekämen oder bei Straftaten nicht verfolgt würden.

Wie reagieren Sie im persönlichen Gespräch auf solche falschen Behauptungen?

Lina Ammor: Ich reagiere sehr sachlich, argumentiere mit Tatsachen und den korrekten Zahlen.

Haben Sie das Gefühl, damit erfolgreich zu sein?

Lina Ammor: Ich glaube, oft wollen die Leute gar nicht hören, wie es wirklich ist. Aber ich habe es zumindest versucht. Lieber bringe ich mich dann doch konstruktiv ein, so bin ich beispielsweise Mitglied im Arbeitskreis „Jobbörse Flüchtlinge“ sowie im Integrationsrat. Außerdem habe ich mich als Flüchtlingspatin ausbilden lassen.

Das klingt nach viel Arbeit, was sind denn ihre konkreten Aufgaben?

Lina Ammor: Der Arbeitskreis, in dem auch Altbürgermeister Klaus Solmecke mitarbeitet, trifft sich regelmäßig und lädt einerseits Fachleute und Arbeitgeber, andererseits aber auch Geflüchtete ein und versucht, Arbeitsplätze, Praktikumsstellen oder auch Plätze im „Bundesfreiwilligendienst“ zu vermitteln. Und als Flüchtlingspatin wurde ich unter anderem in der Arbeit mit Traumatisierten ausgebildet sowie in Rechten und Pflichten geschult. Ich helfe derzeit bei der Betreuung einer syrischen Familie, organisiere beispielsweise Möbelspenden für ihre Wohnung oder stehe bei Problemen als direkte Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Gibt es da keine großen Hürden bei der Verständigung?

Lina Ammor: Ich spreche glücklicherweise arabisch, was es einfacher macht. Aber viele Geflüchtete lernen deutsch oder sprechen englisch. Und im Zweifelsfall kann man sich auch mit Händen und Füßen verständigen.

Neben all diesem Engagement ist ihre eigentliche Arbeit jedoch eine ganz andere, sie sind recht erfolgreich als Sängerin unterwegs. Bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Lina Ammor: Das stimmt. Politik ist eigentlich mein Hobby, auch wenn ich seit kurzem ein paar Stunden pro Woche im Wahlkreisbüro des Landtagsabgeordneten Hubertus Kramer arbeite, verdiene ich meinen Lebensunterhalt als Musikerin. Momentan habe ich täglich etwa ein bis zwei Konzertanfragen und trete bis zu viermal wöchentlich auf, zwischen März und Oktober auf jeden Fall jedes Wochenende. Und nebenbei möchte ich auch noch an der Fernuni Hagen ein Master-Studium abschließen.

Unter anderem werden Sie am Boulevard-Sonntag die Mittelstraße mit Soul- und Pophits unterhalten. Ist das für Sie ein großer Auftritt?

Lina Ammor (schmunzelt): Nun, hier in der Gegend ist es mein bislang größter, hier bin ich als Musikerin aber auch kaum bekannt. Ich werde eher für Veranstaltungen im Rheinland, in Berlin oder München gebucht. Auch in Portugal, Österreich und der Schweiz bin ich schon aufgetreten. Meine bislang größten Auftritte waren wohl im vergangenen Jahr beim Sportpresseball in Frankfurt sowie beim Genfer Autosalon. Wer mich aber in Gevelsberg hören und sehe möchte: ich versuche derzeit, einmal im Monat in einem italienischen Restaurant in der Mittelstraße aufzutreten. Die Termine finden sich auf meiner Homepage www.lina-ammor.com.

Abschließend noch eine Frage: Sehen Sie Gevelsberg auf Ihrem Weg eher als eine Zwischenstation oder würden Sie es als Heimat bezeichnen?

Lina Ammor: Es ist mein Zuhause. Sollte mich meine Arbeit als Musikerin oder vielleicht auch die Liebe aber irgendwann irgendwo anders hin zieht, dann bin ich demgegenüber offen – geplant ist es jedoch nicht.