Nach der Arbeit sinnvoll leben

Architekt Reinhard Wolff, Awo-Geschäftsführer Jochen Winter, Esther Berg, Awo-Leiterin Soziale Dienste und Awo-Leiterin Wohnen Jutta Sudek (von links) mit plakativer Baubeschreibung. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „Es ist die erste Generation unserer Schützlinge, die jetzt in Rente geht“ brachte AWO-Geschäftsführer Jochen Winter bei der Vorstellung der neuen Räumlichkeiten, welche die AWO an der Elberfelder Straße 33 in Gevelsberg baut, den Zweck der Baumaßnahme auf den Punkt: „Diese Menschen haben mit der Lebensumstellung ihre Probleme wie wir alle.“ Daher sei es wichtig, den Betroffenen eine Form des betreuten Wohnens anzubieten, die ihnen einerseits so weit wie möglich ihre persönliche Freiheit lässt, andererseits aber auch eine ihren medizinischen und sozialen Bedürfnissen entsprechende Versorgung sicherstellt.

Dieser Herausforderung trägt die AWO im EN-Kreis mit dem Um- beziehungsweise Neubau eines Gebäudekomplexes an der Elberfelder Straße Rechnung, wobei der Umbau des alten Gemeindehauses der Erlöserkirche Platz für 17 Personen schafft, die am so genannten Asperger Autismus leiden, einer Krankheit, die mit dem Hollywood-Film „Rain Man“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. „Diese Menschen haben oft eine bewundernswerte Inselbegabung“, berichtete Jutta Sudek, Leiterin für Wohnen bei der AWO EN: „Sie können zum Beispiel eine Arbeit so perfekt ausführen, dass man vergeblich nach einem Fehler sucht.“ Dafür wirkten diese Menschen dann in ihrem Verhalten gegenüber der Umwelt und anderen Personen absolut desinteressiert, was besonders bei Vorstellungsgesprächen eine besonders hohe Hürde darstelle.

Eine andere Klientel, für die in der direkten Nachbarschaft ein Neubau mit 20 Plätzen auf ungefähr 2.500 Quadratmetern entsteht, sind die Behinderten, die zum Beispiel in den Awo-Werkstätten an der Harkortstraße nahe der Stefansbecke in Sprockhövel ein Arbeitsleben lang Nützliches für die Gemeinschaft geleistet haben und nun in den verdienten Ruhestand wechseln. „Da tut sich, wie auch für alle Gesunden, die Gefahr der Vereinsamung auf“, schuf Jochen Winter Problembewusstsein: „Wichtig ist auch, dieser besonderen Gruppe von Rentnern eine neue Tagesstruktur zu geben.“

Das erreiche man mit Gemeinschaftsaktivitäten, die eigens dafür abgestellte Sozialarbeiter in zweieinhalb Vollzeitstellen koordinieren. Sie betreuen 20 Personen in 26 Zimmern, darunter Sozialräume und Treffpunkte, die einen neuen Sinn im Leben nach der Arbeit suchen. Da gibt es Koch- und Backkurse, aber auch Ausflüge, zum Beispiel zu den Heimspielen von Borussia Dortmund, um den Spaß an der neuen Freiheit nicht zu kurz kommen zu lassen. Auch die Verkehrsanbindung mit Bushaltestelle und fußläufiger Nähe zur Gevelsberger Innenstadt ist gegeben; bei der Kirmes sitzen die AWO-Mieter ohnehin auf einem Logenplatz.

Die Ausführung der insgesamt 1.605.075 Euro schweren Bau- und Umbaumaßnahmen auf einem Grundstück im Wert von 377.000 Euro obliegt dem Büro AKW Architekten, für das Architekt Reinhard Wolff erklärte: „Zurzeit können wir wegen der Kälte keine Arbeiten fertigstellen, erwarten aber mit milderer Witterung, dass wir im Frühling alles geschafft haben.“

Dann wäre seit dem Beginn im April des vergangenen Jahres eine einjährige Bauphase zu Ende, als deren Ergebnis helle und freundliche Gebäude mit viel Wohnqualität entstanden sind, in denen auch den zeitgemäßen Vorschriften des Brandschutzes Genüge getan ist. Den besonderen Eigenschaften seiner Bewohner entsprechend besitzt der mehrgeschossige Neubau eine Aufzugsanlage und ist somit barrierefrei.

Für die Bereitstellung der nötigen Gelder neben Eigenmitteln in Höhe von 1.260.435 Euro dankt die AWO für Zuschüsse mit einer Gesamtsumme von 344.640 Euro, von denen die Stiftung Wohnhilfe 100.000 Euro, das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales 8.500 Euro und die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW 236.140 Euro aufgebracht haben.