Namensgebung ist ein Sinnbild

Der heimische Chor HarmoniEN sang neben viel Folkloristischem auch die von Ludwig van Beethoven komponierte Europa-Hymne. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „Das ist der Sprottauer Platz, und der Bürgermeister der Stadt Szprotawa ist hier“, schlug der ehemalige Präsident des Europa-Parlaments, Prof. Dr. Klaus Hänsch, die Brücke von der belasteten deutsch-polnischen Vergangenheit zur von friedlicher Normalität geprägten Gegenwart: „Freundschaften zu pflegen, ohne die eigenen Wurzeln zu verleugnen, ist das Gebot des vereinten Europa.“

Zusammen mit dem ehemaligen EU-Parlamentarier waren vor wenigen Tagen weit über 100 Bürger an die Gevelsberger Mittelstraße gekommen, um die Benennung des bisher namenlosen Bereichs vor der Feinkosthandlung Hess in „Sprottauer Platz“ mitzuerleben. Neben der örtlichen Prominenz, voran Bürgermeister Claus Jacobi und Gattin sowie das ehemalige Stadtoberhaupt Dr. Klaus Solmecke mit Ehefrau Renate, gaben der aus Berlin angereiste Bundestags-Abgeordnete René Röspel und die Vendômer Bürgermeisterin Catherine Lockhart dem Ereignis den verdient würdigen Rahmen. Der Verwaltungschef von Szprotawa, Josef Rubacha, und Buteras erster Bürger, Luigi Casisi, hatten ebenfalls gern die weite Anreise an die Ennepe in Kauf genommen.

Szprotawas Bürgermeister Josef Rubacha (links) und Sprottaus Ehrenbürger Prof. Dr. Klaus Hänsch bekannten sich zum geeinten Europa. (Foto: Stefan Scheler)

Sie und viele weitere Repräsentanten aus Politik, Verwaltung und den Kirchen sowie aus der Welt des Sports und dem gesellschaftlichen Leben genossen bei strahlendem Sonnenschein den Auftritt des Chors HarmonieEN, den Vortrag der polnischen Nationalhymne, geblasen vom „Szprotawska Orkiestra Deta“, die deutsche Hymne, gespielt von Bileam Kirsch auf dem Saxofon, und schmissige italienische Volkslieder, dargeboten von einer Kapelle aus Butera.

Dem Völker verbindenden Anlass entsprechend hatte die Feuerwehr Gevelsberg eine Feldküche aufgestellt, aus der das polnische Nationalgericht Bigos, ein schmackhaftes Sauerkraut, seinen Geruch über die wegen des Boulevard Gevelsberg für den Verkehr gesperrte Mittelstraße verbreitete. Vor der Rednertribüne hing eine Traube aus schwarz-rot-gelben und rot-weißen Luftballons, welche die Nationalfarben der bei diesem Termin besonders wichtigen Länder Deutschland und Polen symbolisierten.

Eine Gruppe von Radfahrern berichtete zu Beginn der gut zweistündigen Veranstaltung von ihrer Tour aus Gevelsberg in das 730 Kilometer entfernte Sprottau oder Szprotawa. Die ehemals deutsche Stadt, seit 1945 faktisch zum polnischen Staatsgebiet gehörend, hatte – ebenso wie Gevelsberg mit seiner 125 Jahr-Feier – vor Kurzem einen runden Geburtstag. „Unsere Stadt ist 750 Jahre alt geworden“, berichtete Josef Rubacha, dessen Worte drei Simultan-Dolmetscher ins Französische, Deutsche und Italienische übertrugen, nicht ohne Stolz: „Seien Sie gewiss, dass Gäste aus Gevelsberg in Szprotawa immer willkommen sind.“ „Nicht der Abstand bestimmt die Entfernung“, zitierte der Ehrengast aus dem Osten den französischen Dichter Antoine de Saint-Exupéry: „Über viele Meilen zwischen den beiden Städten hinweg sind sich deren Bürger in den fünfzehn Jahren ihrer Partnerschaft immer näher gekommen.“

Nachdem der polnische katholische Geistliche Leon Andrys den neu benannten Platz mit Weihwasser gesegnet und die Architekten der Städtepartnerschaft das neue Straßenschild enthüllt hatten, stiegen 100 Ballons in polnisch-deutschen Landesfarben zum tiefblauen Gevelsberger Sommerhimmel auf. Als Abschluss der von WDR-Moderator Oliver Koch stilsicher kommentierten Feier demonstrierte HarmoniEN mit dem Absingen der Europa-Hymne grenzüberschreitendes Denken.