Nur Kenner trinkt Braselmänner

So war das zünftige Etikett des Jagdbitters von Levering gestaltet, welcher nicht nur den Grünröcken auf ihrem Hochsitz schmeckte. (Repro: Stefan Scheler)

Schwelm. (Sche) Er wohnt zwar in Ennepetal an der Hembecker Talstraße, aber er ist Schwelmer durch und durch: Ernst Schmidt. Als ehemaliger Lehrer für Musik, Sport und im Hauptfach Biologie an der Realschule am Schwelmer Ländchenweg war der mittlerweile 76-Jährige immer interessiert am Leben in der Kreisstadt und besonders an historischen Nischen in deren Geschichte.

Vor zwei Jahren fiel dem rührigen Pensionär auf, dass sich noch niemand mit dem Thema Brennereien in der bald 516 Jahre langen Tradition der Stadt an der Schwelme befasst hatte. „Dabei war einmal die ganze Stadt voll von Brenn-Betrieben“, hat das Mitglied im Verein für Heimatkunde herausgefunden: „Im Jahr 1759 gab es sage und schreibe 23 selbstständige Brenner bei uns.“

Beim Herangehen an das Thema war ihm ein Archivar, ebenfalls Mitglied und Autor für Publikationen des Heimatvereins, sehr behilflich. „Er hat eine Steuerliste aus dem Jahr 1701 gefunden“, freut sich Ernst Schmidt: „Die hat mir bei meinen Recherchen sehr geholfen.“ Die Fotos der alten Destillerien, zumeist Fachwerkhäuser im bergisch-westfälischen Stil, hat Ernst Schmidt entweder selbst geschossen oder sich aus dem Fundus des Stadtarchivs geholt. Einige der Bilder steuerte auch Joachim Kaltenbach bei, in dessen Verlag die gesammelten Erkenntnisse in einem handlichen Buch, voll mit sonst recht schwer zugänglichen Informationen, unterhaltsam zusammengefasst sind.

Ernst Schmidt hatte zwei Jahre lang recherchiert, um etwas mehr Licht ins Dunkel um die Brenntradition in der Kreisstadt zu bringen. (Foto: Privat)

Da erfährt der interessierte Leser und Heimatfreund zum Beispiel, dass es an der Bahnhofstraße 2 in Schwelm, am heutigen Märkischen Platz, das Haus der Familie Braselmann gab, einer der ältesten „Brenn-Dynastien“ der späteren Kreisstadt. „Ich bin im Haus Braselmann groß geworden“, berichtet Ernst Schmidt von einem bemerkenswerten Zufall: „Man soll dort schon ab 1760 flüssige Gaumenfreuden hergestellt haben.“ Nach den Recherchen des Heimatkundlers aus Leidenschaft müsste aber der Ursprung der Schwelmer Brenntradition wesentlich früher anzusetzen sein. Peter Georg Braselmann, Fuselbrenner und Brauer, soll bereits als 14-Jähriger im Jahr 1689 im eigenen Haus Liköre und Schnäpse hergestellt haben. Da der Besagte also auch Brauer war, könnte hier vielleicht sogar die Keimzelle der leider vor Kurzem untergegangenen Schwelmer Bierproduktion gelegen haben, was allerdings in der Zukunft noch im Einzelnen zu erforschen wäre. Aus der Braselmann-Ära ist jedenfalls der Spruch überliefert: „Nur ein Kenner trinkt Braselmänner.“

Interessant ist auch die Preisentwicklung auf dem hiesigen Spirituosenmarkt. Bezahlte der Freund des edlen Tropfens zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch lediglich neun Pfennige für ein Glas Branntwein, so kostete der Liter eines 35-Prozenters hundert Jahre später bereits eine Mark.

Sehr lesenswert ist auch die Geschichte der noch heute bekannten Firma Levering, deren legendärer Ossenkämper mit der Schließung der Schwelmer Brauerei gerade ins Sauerland „ausgewandert“ ist. Der gelernte Schreiner Johann Caspar Levering hatte um 1808 schon im 1805 erbauten Haus Schnaps gebrannt. „Diese Brennerei hat am längsten durchgehalten“, ergaben Ernst Schmidts Ermittlungen: „Nachfahre Carl Levering führte ab 1902 den bis in unsere Tage bestehenden Betrieb fort.“

Übrigens verdanken die Schwelmer die Brennrechte Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dem berühmten Großen Kurfürsten. Wer mehr über solche wenig bekannten Tatsachen erfahren möchte, sollte sich das bald im gesamten Südkreis erhältliche Buch „Branntwein – Die Schwelmer Geschichte vom Brennen“, von Ernst Schmidt, besorgen. Zum Preis von 29,80 Euro bekommt man ein Werk, dessen Erkenntnisse mit 15 Literaturquellen aus Schwelm und Münster belegt sind.