Papa – wie spielt man Schach?

Der Sprockhöveler Ralf Schreiber (links) findet mit seinem pädagogischen Konzept „Schach für Kinder“ mittlerweile weltweit Anerkennung. „Eine solch gute Sache unterstützen wir gern“, bekennt Sparkassendirektor Thomas Biermann - die Sparkasse Gevelsberg finanziert daher die Ausstattung der Gevelsberger Kindergärten mit dem Spielmaterial. (Foto: Frank Schmidt)

Sprockhövel/EN-Kreis. (zico) Hätte Ralf Schreiber vor rund zehn Jahren sein Schachbrett ordentlich weg geräumt und nicht auf dem Wohnzimmertisch stehen lassen, würde es das mittlerweile weltweit hoch gelobte Projekt „Schach für Kinder“ vielleicht gar nicht geben. So aber entdeckte Schreibers damals zweieinhalbjährige Tochter Sarah das Quadrat mit den 64 Spielfeldern und den 32 Figuren und wurde neugierig: „Papa, wie geht das?“ Und mit Hilfe von „Smarties“, den bei Kindern beliebten Schokolinsen zum Naschen, erklärte der Sprockhöveler dem Mädchen, wie die verschiedenen Figuren auf dem Brett zu bewegen sind.

„Bei ,Schach für Kinder’ geht es jedoch nicht darum, gute Nachwuchsspieler auszubilden. Vielmehr hilft Schach den Kindern bei ihrer generellen Entwicklung“, hat Ralf Schreiber, früher Präsidiumsmitglied des Schachbundes NRW und sogar des Deutschen Schachbundes, zunächst bei seiner Tochter beobachtet. So arbeitete Schreiber seine Lehrmethode genauer aus, ersetzte die „Smarties“, die Sarah nach erfolgreichen Zügen noch hatte essen dürfen, mit pädagogisch sinnvolleren Kunststoffplättchen und brachte seine Methode zur Einsatzreife. Verschiedenen Kindergärten im EN-Kreis stellte der heute 52-Jährige die ersten Prototypen zur Verfügung, und die Reaktionen bei Kindern und Erzieherinnen waren so begeistert, dass auch die Medien auf dieses weltweit einzigartige Konzept aufmerksam wurden. Es zeigte sich, dass das Schreiber-Projekt bei Kindern logisches und räumliches Denken fordert und die geistige Entwicklung in diesen Bereichen beschleunigt.

Sogar die renommierte Mercator-Stiftung mit Sitz in Duisburg interessierte sich für die Lernmethode und finanzierte eine groß angelegte, über rund zwei Jahre führende Studie in rund 200 Kindergärten unter der Leitung der Wissenschaftlerin Dr. Marion Bötsch, deren Untersuchungsergebnisse den positiven pädagogischen Effekt von „Schach für Kinder“ klar belegte. Es folgten kleinere Überarbeitungen, und seit einigen Monaten wird „Schach für Kinder“ nun zunächst in Kindergärten des Ennepe-Ruhr-Kreises eingesetzt. Möglich machen es nicht zuletzt namhafte Sponsoren – zum Beispiel die AVU, die Sparkassen Gevelsberg, Witten, Sprockhövel und die Hattinger Stadtwerke. Aber auch Landrat Dr. Armin Brux zeigt sich begeistert und bekennt, dass ihm „Schach für Kinder“ eine Herzenssache ist: „Von Anfang an war das ein Projekt, mit dem ich mich voll und ganz identifizieren konnte. Die Kindergartenschachinitiative ist ein Schritt mit großer Entwicklungsperspektive.“

In den Familienzentren Ennepetal-Oberbauer und Habichtstraße in Gevelsberg bringen Christiane Heckmann und Panagiota Zogaki das Schreiber-Konzept „Schach für kinder“ seit einigen Monaten mit Erfolg zum Einsatz. (Foto: Frank Schmidt)

Das bestätigt auch Panagiota Zogaki vom Gevelsberger Familienzentrum Habichtstraße, die seit August 2011 einmal pro Woche mit sieben Kindern aus der Vorschulgruppe Schach nach dem pädagogischen Konzept von Ralf Schreiber. „Die Kinder sind nachdenklich, konzentrieren sich, gewinnen schnell an räumlicher Orientierung“, so die Erzieherin, die vor wenigen Tagen im Ennepefinanzcenter in Gevelsberg bei der Einweisung weiterer Pädagiginnen in das Konzept zugegen war. Und Christiane Heckmann vom AWo-Familienzentrum Ennepetal-Oberbauer ergänzt: „Man kann schon frühzeitig geschlechterspezifische Unterschiede in der Spielweise erkennen. Während es den Mädchen wichtig ist, ihre Figuren zu beschützen, sind die Jungen deutlich mehr darauf aus, die Figuren des Gegners zu schlagen.“ In Oberbauer kommen die Schreiber-Materialien zum Einsatz, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Unterdessen zieht „Schach für Kinder“ weitere Kreise. Längst widmen sogar Fachzeitungen in den USA und in Afrika dem Thema große Artikel. Demnächst wandern die ersten Materialien nach Dortmund; Anfragen aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz stapeln sich auf Ralf Schreibers Schreibtisch in Sprockhövel. Und was macht Sarah Schreiber, die mit ihrer Neugier vor zehn Jahren den Stein überhaupt erst ins Rollen brachte? Die mittlerweile Zwölfjährige ist in die Fußstapfen ihres Vaters getreten und wurde wie er Hattinger Stadtmeisterin im Schach. Vielleicht der schönste Beweis für Ralf Schreiber, dass sein Konzept zum Erfolg führt.