Riesentrafos senken Spannung

Hier sieht man eine der Steuereinheiten der 110 Kilovolt-Station, welche die Eingangs-Spannung an die Transformatoren weitergibt. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „Normalerweise hält sich hier niemand auf“, reagiert AVU-Ingenieur Eberhard Just, Leiter des neuen Umspannwerks des Versorgungsdienstleisters in Gevelsberg, wenn Besucher sich über die menschenleeren Hallen wundern: „Die Steuerung der Anlage erfolgt ferngesteuert von der Leitstelle aus; nur im Notfall und für Wartungsarbeiten kommen die Techniker hierher.“

In den mit Schaltungen, Kabeln und Aggregaten vollgepackten Gebäudeteilen wird auch dem Laien schnell klar, dass der Strom nicht so einfach aus der Steckdose kommt. „Im Überlandnetz von Freileitungen und Unterflurkabeln herrscht eine Spannung von 110 Kilovolt, also das 500-fache der Hausspannung“, erzählt der Chef über die mit dem Betrieb der Anlage befassten zehn Ingenieure und Elektrotechniker: „Man braucht diese hohe Ladung, damit die Energie sicher über weite Entfernungen durch die Drähte fließt.“

Ein Hausgerät, zum Beispiel ein Haartrockner oder ein Fernseher, wären mit diesen Gewalten eindeutig überlastet. Also muss man sie herunterfahren, zunächst auf 10 Kilovolt. „So kommt die Kraft an den Netzstationen, im Volksmund als ,Trafohäuschen‘ bekannt, an. Die Transformatoren dort schalten auf die Drehstromspannung von 400/380 Volt herunter, die schließlich nutzbar vom 220 Volt-Hausanschluss aus beispielsweise die Lampen zum Leuchten bringen.

Diese Anlage verteilt, wie an den Beschriftungen zu sehen ist, die auf 10 Kilovolt reduzierte Spannung an die „Trafohäuschen“. (Foto: Stefan Scheler)

Praktisch sieht das dann so aus, dass in einer Halle ein aus sechs Blöcken nebst Steuereinheiten bestehender Verteilerknoten den ankommenden 110 Kilovolt-Strom an die beiden mächtigen Transformatoren in einem separaten Raum weitergibt. Ein dritter Riese steht für Stromspitzen oder Notfälle in Reserve. Diese Apparate leiten nach getaner Arbeit die Spannung von jetzt 10 Kilovolt über unterarmdicke Kabelstränge den 10 Kilovolt-Schaltanlagen zu, an denen die Bezeichnungen der „Trafohäuschen“ in den Stadtteilen angebracht sind. Kontroll-Lampen zeigen den jeweiligen Betriebszustand der Einheiten an, und eine ausgeklügelte Elektronik meldet die Werte an die Leitzentrale, die steuern und bei Krisen eingreifen kann.

Wie überdimensionale schwarze „Spaghetti“ muten die Kabel im Keller des Umspannwerks an, welche den 10 Kilovolt-Strom leiten. (Foto: Stefan Scheler)

„Die alte Anlage war technisch einfach nicht mehr auf dem neuesten Stand“, nennt Eberhard Just einen der Gründe für den Bau des neuen Umspannwerks: „Die großen Transformatoren stehen jetzt nicht mehr im Freien, und die Steuerung mittels Computer von einer Zentrale aus gab es damals in dieser Form auch noch nicht.“ Damit weist er auf einen Kontrollraum im Obergeschoss des Umspannwerks hin, der einen Bildschirm mit einer Netzübersicht und Kontroll-Elementen beherbergt, aber auch die meiste Zeit über menschenleer ist.

Beim Gang in den Keller wundert sich der Normalbürger in einem besonderen Raum über ein scheinbar planloses Gewirr von zentimeterdicken Kabeln, welche die Verteilung der 10 Kilovolt-Spannung an die Netzstationen in den Stadtteilen besorgen. Eine zentrale Funktion als übergeordneter Knoten hat der Standort an der Straße In den Weiden in der Nähe des Bahnhofs Gevelsberg-West.

Chefingenieur Eberhard Just zeigt die Steuerung im oberen Umspannwerk-Geschoss. Rot steht für 110 Kilovolt, Grün für 10 Kilovolt. (Foto: Stefan Scheler)

„Wir sind in Gevelsberg dank unserer ausgereiften Technik stolz auf durchschnittlich nur vier Minuten Stromausfall pro Jahr“, ist AVU-Sprecher Jörg Prostka mit der Versorgungssicherheit zufrieden: „Im Bundesdurchschnitt versagt im Jahr für knapp 20 Minuten die Energieversorgung.“ Das bedeute für den Verbraucher aber auch dann nicht, im Dunkeln zu stehen, denn das sofortige Anspringen von Ersatzaggregaten lasse ihn in der Regel nur ein kurzes Flackern wahrnehmen.

Damit erfüllt auch das beeindruckende Aufgebot an Technik im neuen Umspannwerk an der Ecke Mühlenstraße/Jahnstraße seinen Zweck der zuverlässigen Bereitstellung von jederzeit abrufbarer elektrischer Energie.