„Sargdeckel“ und Mensaessen

Schwelms Bürgermeister Jochen Stobbe und Stadtsprecherin Heike Rudolph laden zum Schmökern im „Journal“ ein. (Foto: Stefan Scheler)

Schwelm. (Sche) „Bei der aktuellen Finanzsituation kamen alle Kostenstellen auf den Prüfstand“, verkündete Schwelms Bürgermeister Jochen Stobbe vor wenigen Tagen bei der Vorstellung der druckfrischen 85. Auflage des „Journal für Schwelm“ im Rathaus der Kreisstadt vor wenigen Tagen: „Die Ausgaben für das aufwändig gestaltete Informationsblatt in der Tradition des ehemaligen Heimatbriefs haben wir jedoch nicht eingespart, weil das Heft eine wichtige Wissensquelle für Jung und Alt über Stadtgeschichte und Stadtgegenwart darstellt.“

Der Mensch stehe im Mittelpunkt der Themenauswahl. Ob es um den bekannten Schwelmer Künstler Hermann Fehst geht, dem als Bergmann beinahe ein „Sargdeckel“ – das ist eine schwere Gesteinsplatte – den Garaus gemacht hätte, oder ob der Leser eher beschaulich etwas über den Alltag des Ehepaars Martin und Christel Schwamborn im Hinterhaus an der Hauptstraße erfährt, immer geht es um die Bewohner der Stadt an der Grenze Westfalens und ihre Geschichten.

Die Autoren des „Journal für Schwelm“ haben sich nach der Vorstellung des neuesten Hefts auf der Rathaustreppe versammelt. (Foto: Stefan Scheler)

35 Autoren haben auf 90 Seiten teils heiter, teils nachdenklich zusammengetragen, was ihr Dasein in Schwelm ausmacht. Dabei haben sie aus ihrer ganz persönlichen Sicht inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Rosemarie Lutter-Böhl bricht mit dem Carl Zuckmayer-Zitat „Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum“ eine Lanze für die Vierbeiner und Danni Hartmann, die mit ihrer Hundeschule ungestüme Welpen zu liebenswerten Hausgenossen macht. Dr. Margret Korn nimmt uns mit auf einen Streifzug über den Höhenzug im Schwelmer Norden und beschreibt Natur, Geschichte und gesellschaftliches Treiben zwischen Stüting und Lindenberg an der Scharlicke.

Etwas weiter weg entführt uns Renate Wichacz-Hoesterey, die ihre Heimat im kanadischen British Columbia aus der Sicht einer ehemaligen Schwelmerin beschreibt, während Stadtsprecherin Heike Rudolph nicht ganz so weit in die Ferne schweift und erzählt, wie der Eiffelturm aus Paris auf dem Umweg über den Schmied von Fourqueux zu Angelika Beck an die Schwelme kam.

Immer sind es die kleinen Geschichten, die dem Wir-Gefühl zwischen Linderhausen und Winterberg sowie von der Oehde zum Brunnen eine heimatliche Gesamtsicht verleihen. Auch in der altersmäßigen Verteilung ist sowohl an die Zielgruppe jenseits der Sechzig, als auch an die knapp über Sechzehnjährigen gedacht. Wenn Jochen Seeliger in einer Fortsetzung seine Biografie erzählt, fühlt sich eher die reifere Generation angesprochen, während der Beitrag von Schülerin Esther Rummel über die Mensa am Märkischen Gymnasium ganz das Lebensgefühl ihrer Altersgenossen spiegelt.

Bereits lange vor dem offiziellen Beginn der kleinen Feierstunde mit Kaffee und Kuchen sah man viele Gäste im Schmökern vertieft über dem roten Heft sitzen; der beste Beweis, dass der Inhalt des für 1,60 Euro in allen Schwelmer Zeitschriftenläden und bei der Stadtverwaltung erhältlichen Journals absolut lesenswert ist und für Bewohner der Kreisstadt fast schon ein Muss darstellt. Früher einmal war der Heimatbrief als Informationsquelle für ehemalige Schwelmer im Ausland oder in fernen Regionen Deutschlands gedacht. Auch heute noch gehört dieser Personenkreis zum Verteiler, denn viele „Exilanten“ haben für sich das Motto entdeckt: „Einmal Schwelmer, immer Schwelmer.“