Schwelmer Bier: Aktivisten ergattern letzte Kisten

Kistenweise schleppten die Freunde des Schwelmer Biers das kostbare Nass aus den Hallen eines Getränkehandels im benachbarten Remscheid. (Foto: Stefan Scheler)

Remscheid/EN-Kreis. (Sche) „Die weitere Existenz der Brauerei in Schwelm ist uns eine Herzensangelegenheit“, bekannte Jörg Kunze-Asmussen von der Facebook-Initiative „Für den Erhalt der Schwelmer Brauerei“, welcher übrigens auch zahlreiche Wuppertaler angehören. Dies konnte man an den Kennzeichen der Fahrzeuge ablesen, mit denen gut 20 Teilnehmer der Aktion „Fröhlich kaufen“ vor wenigen Tagen auf dem Hof eines Remscheider Getränkemarkts vorgefahren waren. Es galt, die letzten Kisten mit verschiedenen Sorten des Gerstensafts aus der Kreisstadt zu ergattern.

„160 Kästen hatten wir noch auf Lager“, wusste Markt-Mitarbeiter Niklas Pichard genau über die Bestände Bescheid: „Davon gehen jetzt mindestens zehn raus. Das Problem für die Freunde des Schwelmer Biers ist, dass wir einer der wenigen Märkte sind, die es überhaupt noch vorrätig haben.“

Dahinter steckt Methode, wie Bier-Aktivist Marcus Behnecke weiß. „Die Getränkehändler bekamen Post vom Insolvenzverwalter der Brauerei“, berichtete der kaufmännische Angestellte: „Danach gab es Lieferungen nur gegen Vorkasse; ein Risiko, welches viele der Geschäftsleute nicht eingehen wollten.“

Solche Praktiken sind es, die einige der „Schwelmer“-Fans argwöhnen lassen, dass hinter der gesamten Abwicklung des Traditionsbetriebs am Schwelmer Neumarkt mehr steckt als Absatzrückgang oder Fehlkalkulation. „Ich habe den Verdacht, dass ,interessierte Kreise‘ in Schwelm versuchen, das Brauhaus platt zu machen“, vermutet Nicola Madeddu, der sich aber scheut, Ross und Reiter zu nennen: „Dazu ist meine Rechtsschutz-Versicherung nicht gut genug.“ Der kaufmännische Angestellte kann noch mit weiteren Details aufwarten. „Vor einem Jahr bekam ein bekanntes Restaurant kein Schwelmer Bier mehr“, erinnert sich der 39-Jährige: „Den fassungslosen Inhaber beschied ein Repräsentant der Brauerei mit der Aussage, dass dessen Gastronomie ohnehin ein aussterbendes Gewerbe sei.“

Rund 20 „Bier-Aktivisten“ trafen sich nach spontaner Verabredung übers Internet auf dem Parkplatz eines Remscheider Getränkemarkts. (Foto: Stefan Scheler)

Vor diesem Hintergrund war auch die Demonstration in der Schwelmer Innenstadt vor wenigen Tagen zu sehen, als über 350 engagierte Bürger, unter ihnen auch Stadtoberhaupt Jochen Stobbe mit Familie, für den Weiterbestand des seit 1830 bestehenden Braubetriebs demonstrierten. Vorher allerdings räumten die durstigen Menschen eine Palette im Remscheider Getränkehandel leer, dessen stellvertretende Leiterin Anne Berger Sympathie für die Aktion zeigte. „Das ist eine ,coole‘ und witzige Sache, echt süß“, kommentierte sie den Großeinkauf: „Das sage ich nicht nur wegen des Umsatzes, sondern es imponiert mir, wie sich die Leute für ihre Leidenschaft einsetzen.“

Als Höhepunkt der improvisierten, über das Internet verabredeten Veranstaltung erfolgte der Fläsch-Plöpp, das gemeinsame Lösen des für die Schwelmer-Flaschen charakteristischen Bügelverschlusses. Das Wort ist dem Begriff „Flashmob“ entlehnt, womit man im weltweiten Netz spontan organisierte Zusammenkünfte bezeichnet.

Ob dies alles Erfolg bringen wird, muss die Zukunft zeigen. „Wir hoffen, dass das Schwelmer Bier seinen Freunden erhalten bleibt und auch weiterhin in der Kreisstadt gebraut wird“, drückte Jörg Kunze-Asmussen, der immer seinen Vorrat an „Bernstein“ im Keller hat, seine Hoffnung aus: „Vielleicht gibt es einen ähnlichen Effekt wie beim Fußball, als eine T-Shirt-Aktion dem FC St. Pauli aus einer finanziellen Klemme half.“

Aus diesem Grund wird es laut Bekunden aller Beteiligten auch weiterhin so lange spontane Treffen auf Parkplätzen von Getränkemärkten geben, bis entweder die Brauerei in Schwelm gerettet oder von deren Erzeugnissen auch der allerletzte Liter abgesetzt ist.