Schwelmerin erhält Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis

Schwelm. (zico) „Spezielle Botschaften möchte ich den Lesern meiner Bücher nicht vermitteln“, sagt Judith Kuckart, „das wäre der falsche Ansatz. Ich schreibe, weil ich gern Geschichten erzähle.“ Und das tut die gebürtige Schwelmerin mit wahrer Meisterschaft. Seitdem die heute 53-Jährige 1990 mit „Wahl der Waffen“ ihren ersten Roman veröffentlichte, überschlagen sich renommierte Kritiker mit Lobeshymnen. Nachdem Judith Kuckart bereits 2009 mit dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet wurde, der sie in eine Reihe mit Autoren wie Max von der Grün oder auch Fritz Eckenga stellt, erfährt die Tochter des früheren CDU-.Landtagsabgeordneten Leonhard Kuckart nun eine weitere, herausragende Würdigung ihres Schaffens: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe verleiht seinen mit 12.800 Euro dotierten „Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis“ an die mittlerweile in Zürich und Berlin lebende Autorin, die sich auch als Tänzerin, Choreografin und Regisseurin einen Namen gemacht hat.

Die gebürtige Schwelmerin Judith Kuckart wird im Dezember mit dem renommierten „Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis“ ausgezeichet. (Foto: Gisela Cäsar)

„Nicht ich suche mir den Stoff für meine Erzählungen aus – die Geschichten suchen mich aus“, sagt die Schriftstellerin, die mit dem Stück „Dorfschönheit“ gerade eine auf ihrer eigenen Novelle basierende Regiearbeit am Theater Paderborn abgeschlossen hat und gerade ihren nächsten Roman schreibt – ihr mittlerweile achtes Buch. Nach dem Erstling „Wahl der Waffen“ folgten „Die schöne Frau“, „Der Bibliothekar“, „Lenas Liebe“, „Die Autorenwitwe“, „Kaiserstraße“ und „Die Verdächtige“. Daneben schrieb Judith Kuckart Theaterstücke und Hörspiele. Für ihre Arbeiten wurde sie mit zahlreichen Stipendien und Auszeichnungen geehrt, die vom Villa Massimo-Stipendium über den Margarete-Schrader-Preis bis hin zum Calwer Hermann-Hesse Stipendium reichen.

Die Frage, was ihr mehr Spaß macht – die Schriftstellerei oder die Regiearbeit -, vermag Judith Kuckart nicht eindeutig zu beantworten „Wenn ich Regie führe, ist es die Schriftstellerei, und wenn die schreibe, dann die Regie“, sagt sie scherzhaft. Der Autorin geht es nicht darum, dem Leser eine Philosophie nahe zu bringen, und doch möchte sie ihr Publikum bereichern. Dies tut sie mit Büchern, die in völlig unterschiedlichen Bereichen angesiedelt sind. „Kaiserstraße“ etwa, ihr 2006 erschienener Roman, hat seinen Ausgangspunkt im Mord an der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt, der 1957 das Wirtschaftswunderland Deutschland erschütterte und begleitet die Protagonisten Leo und Jule Böwe durch fünf Jahrzehnte. Der Roman markiert gleichsam fünf Wendepunkte in der Geschichte der Republik, beschreibt ein sich veränderndes Land und seine Bewohner. „Es gibt in ihrer Einfachheit ergreifende Sätze, mit bitterem Witz pointierte Formulierungen und einen scharfen Blick für Gebrauchsgegenstände als Erinnerungsspeicher. Und es gibt Einfälle, die gerade deshalb so großartig sind, weil sie alles Auftrumpfen der Könnerschaft vermeiden und die Entdeckung dem Leser anheimstellen“, würdigte Literaturkritiker Heinrich Detering das Werk.

Auf einer ganz anderen Ebene spielt „Lenas Liebe“, ein 2002 erschienener Roman, der seine Heldin auf der Suche nach sich selbst nach Auschwitz führt. „Lenas Liebe gehört zu den rar gewordenen Büchern, die im Leser weiter murmeln, leuchten und leben, auch wenn sie scheinbar doch zu Ende, ausgelesen sind“, lobte Rainer Baumgarten (Die Zeit). Der Roman ist gerade mit Wolfram Koch und Martin Lüttge in den Hauptrollen unter der Regie von Didi Dankwart verfilmt worden und kommt am 12. September 2012 unter dem Titel „Bittere Kirschen“ in die Kinos. Ob Romane, Erzählungen oder Novellen – stets besticht Judith Kuckart mit ihrer einfühlsamen, feinfühligen Art, mit der sie ihre Geschichten zu beseelen weiß. „Dabei kommt es nicht darauf an, ob es sich eher um unterhaltsame oder ernste Stoffe handelt. Auch ein Georges Simenon, der Erfinder der Maigret-Krimis, wusste seine Leser innerlich zu bereichern“, so Judith Kuckart.

Kontakt zu ihrer alten Heimatstadt Schwelm hat sie nur noch selten: „Bei wenigen Besuchen treffe ich schon mal meine alte Ballettlehrerin Christel Buérdorf, frühere Lehrer, wenige mitschüler und Freunde“, berichtet die Schriftstellerin. Ihren mittlerweile 80-jährigen Vater trifft sie in der Kreisstadt eher selten an: „Der ist als stellvertretender Bundesvorsitzender der Senioren-Union nach wie vor viel auf Reisen.“

Den „Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis“ wird Judith Kuckart am 12. Dezember im Museum für Westfälische Literatur im Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde entgegen nehmen. „Der Autorin gelingt es auf beeindruckende Weise, Körper und Körperlichkeit in den literarischen Raum zu übertragen und lebendig werden zu lassen: Kuckart inszeniert ihre literarischen Welten. Durch einen häufig szenischen Schreibstil und eine pointierte Sinnlichkeit in ihren Texten evoziert sie Bilder im Kopf des Lesers. Sie beschreibt das Große im Kleinen und umgekehrt“, heißt es in der Begründung der neunköpfigen Jury. Dabei sei es nicht ihr Anspruch, Antworten zu geben; vielmehr fordere sie den Leser heraus, selbst Fragen zu stellen. Inhaltlich verstehe sie es, historisch und politisch gewichtige Themen durch fein gezeichnete Figurenkonstellationen auf außergewöhnliche und beeindruckende Weise für den Leser konkret und erfahrbar werden zu lassen. „Judith Kuckarts innovativer und originärer Schreibstil hat die zeitgenössische Literatur mit ungewöhnlichen und unverzichtbaren Impulsen bereichert“, so die Jury weiter.

Worum es in ihrem neuen Roman geht? „Um eine alte Mädchenfreundschaft, die sich über die Jahre kompliziert und schließlich in die Katastrohe führt“, so die Preisträgerin, die aber noch nicht konkreter werden mag: „Erst beim Schreiben entwickelt sich ja die Geschichte und entwickelt eine eigene Dynamik.“ Danach wird sie sich wohl wieder der Regie widmen, denn: „Ich wechsele gern Stand- und Spielbein.“ Kein Zweifel, auch auf das weitere Schaffen der Judith Kuckart darf man sehr gespannt sein – nicht nur in ihrer alten Heimat Schwelm…