Sportlicher Glanz zwischen Ethik und Einkommen

Auf dem Podium diskutierten (von links) Pfarrer Thomas Weber, die Paralympics-Sieger Markus Rehm und Jochen Wollmert, Staatssekretär Bernd Neuendorf, Olympiasieger Dirk Schrade und Moderator Marc Schulte (Foto: Stefan Scheler)

Sprockhövel. (Sche) Die eiserne Disziplin eines Athleten forderte vor 2.000 Jahren der Apostel Paulus in seinem Brief an die Korinther, um den christlichen Glauben richtig leben zu können. Diese Aussage hatten die Veranstalter Stadtsportverband Sprockhövel, der Stadtkulturring Sprockhövel sowie das Stadtmarketing und der Verkehrsverein Sprockhövel zum Einstieg in das Thema ihres schon traditionellen Neujahrsempfangs im Gut Frielinghausen nahe der Wuppertaler Stadtgrenze gemacht.

Moderator Marc Schulte befragte die Eistänzer Carolina und Daniel Hermann nach Karriere und Studium sowie ihren Zukunftsplänen. (Foto: Stefan Scheler)

Kernstück der Veranstaltung war die Podiumsdiskussion zum Thema Kirche und Sport, einem ungewöhnlichen Thema, wie Landrat Dr. Arnim Brux in seiner Begrüßungsansprache hervorhob. An dem Gespräch zu der allgemein wenig wahrgenommenen Problematik beteiligten sich als aktive Sportler der Olympiasieger 2012 im Vielseitigkeitsreiten, Dirk Schrade, sowie die Paralympics-Goldmedaillengewinner Jochen Wollmert und Markus Rehm. Als Vertreter der evangelischen Kirche war Olympiapfarrer Thomas Weber anwesend; die Politik vertrat der Staatssekretär im NRW-Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, Bernd Neuendorf.

Aus Berlin war der Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Dr. Ralf Brauksiepe, angereist, um sich zusammen mit Sprockhövels Bürgermeister Dr. Klaus Walterscheid und 250 Gästen anzuhören, was es aus dem Spannungsfeld zwischen Ethik, Erfolgszwang, Glauben und Geld im halbprofessionellen Sport von Aktiven und Betroffenen zu berichten gab.

Leichtathlet Markus Rehm hatte bei den Londoner Paralympics die Weitsprung-Goldmedaille gewonnen, die er stolz präsentierte. (Foto: Stefan Scheler)

Von der Halbwertzeit des sportlichen Ruhms

„Was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme an seiner Seele“, konkretisierte Pfarrer Thomas Weber anhand eines Bibelzitats die Konfliktsituation, in der sich Leistungssportler zwischen ihrem Gewissen und den Anforderungen der Sponsoren und Medien wiederfinden. „Ein Viertplatzierter bei den Olympischen Spielen, der für diesen beachtlichen persönlichen Erfolg vier lange Jahre intensiv trainiert und Familie sowie Beruf oft hintangestellt hat, gilt als Verlierer“, beobachtete der Gottesmann bei den vier Olympischen Spielen, in denen er deutsche Sportler seelsorgerisch begleitet hatte: „Zudem ist die Halbwertzeit sportlichen Ruhms deutlich kürzer geworden.“ Als Beispiel nannte er die ehemalige Welt- und Europameisterin im Schwimmen, Franziska van Almsick, die jüngeren Menschen inzwischen überwiegend unbekannt sei.

Auch den Einfluss der Sponsoren auf das sportliche Verhalten thematisierte die Runde. Zu der These, dass mehr und mehr Kommerz und Geld die Wettkämpfe bestimmten, lieferten zwei junge Athleten im Publikum unfreiwillig den Beweis. Als Moderator Marc Schulte das Eistanz-Geschwisterpaar Carolina und Daniel Hermann nach Karriere, Studium und sportlicher Zukunft befragte, flüsterte die junge Sportlerin ihrem Bruder die Unterstützer Deutsche Sporthilfe und Bundeswehr zu, die er ausdrücklich nennen sollte.

Auch bei einem Besuch im Reitstall des ebenfalls in der Runde sitzenden Dirk Schrade am Hermessiepen sind offizielle Fotos von ihm oder seinen Helfern nur in der Kluft des Deutschen Olympischen Sportbunds möglich.

Die Trauben hängen sehr hoch

Zudem, da war man sich im Diskussionsforum einig, steige die Trainingsbelastung ständig an, sodass Persönliches und Privates oft zu kurz kämen. „Ich habe bei der Olympia-Vorbereitung nur halbtags gearbeitet“, berichtete der Paralympicssieger im Weitsprung und Bronzegewinner in der viermal 100-Meter-Staffel, Markus Rehm, der stolz seine 465 Gramm schwere Goldmedaille präsentierte: „Das wäre im Fall sportlichen Misserfolgs zum Risiko geworden.“ Auch im Behindertensport hingen die Trauben mittlerweile höher.

Dass Sport andererseits viel zur Erziehung und Bildung der Jugend, zum Erlernen fairen Verhaltens auch im Alltag beiträgt, betonten alle Gesprächsteilnehmer, besonders Staatssekretär Bernd Neuendorf. „Wir müssen auch etwas für die Fankultur tun“, nahm der Politiker auf die Gewalt in den Stadien Bezug und schloss den Kreis zum eigentlichen Diskussionsthema: „Hier können auch die Kirchen hilfreich sein und ihren seelsorgerischen Beitrag leisten.“