Traum von eigener Bühne

Gevelsberg/Hagen. (zico) „Theater spielen? Das würde mich auch mal interessieren!“ Eine harmlose Plauderei mit einer Kollegin aus dem Krankenhaus sollte das Leben der Gevelsbergerin Indra Janorschke nachhaltig verändern. Denn Heike Himmel, so der Name der OP-Schwester, mit der die heute 33-Jährige im Krankenhaus der Evangelischen Stiftung Volmarstein zusammen arbeitete, nahm die damals noch etwas schüchterne Tochter des bekannten Gevelsberger Kunstschmiedes Hubert Janorschke mit zu den Proben des in Hohenlimburg und Umgebung sehr bekannten Amateurtheaters Mummpitz. „Außer Kontrolle“ hieß die Produktion, in der sich die intelligente Blondine schon bald als Geliebte des englischen Premierministers wieder fand. Und „außer Kontrolle“ geriet seither auch die bis dato gültige Lebensplanung der temperamentvollen jungen Frau, die sich in wenigen Wochen einen Traum erfüllt: Am Donnerstag, 8. September 2011, eröffnet sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Dario Weberg in Hagen ihr eigenes „Theater an der Volme“.

Die Schauspieler Dario Wehberg und Indra Janorschke aus Dortmund wollen in der sanierten Kapelle auf dem Elbers-Gelände eine neue Bühne - das "Theater an der Volme" - etablieren. Los geht’s schon am 8. September mit Georg Kreislers "Heute Abend Lola Blau", Karten gibt es beim wochenkurier. (Foto: Anna Linne)

„Ich weiß noch, dass mich Hauptdarsteller Ralf Schlüter damals regelrecht auf die Bühne zerren musste – das sah die Rolle auch so vor, dass ich in ein Hotelzimmer gezerrt werden sollte. Doch freiwillig hätte ich den Weg zum anderen Ende der Bühne wohl auch nicht zurück gelegt“, lacht Indra Janorschke über ihr vor gut zehn Jahren vorhandenes Lampenfieber. Immerhin fehlte ihr jede Erfahrung, die andere zum Beispiel in Theater-AGs während des Schulbesuches machen. Indra Janorschkes Talent jedoch, die Gabe, sich in einen anderen Charakter hinein zu versetzen, setzte sich schnell durch. Ihre Gesangslehrerin Faith Puleston, die damals wie heute den Gevelsberger Frauenchor „Downtown Harmony“ leitete, riet ihr, weitere Erfahrungen im Herdecker „Theater am Stiftsplatz“ zu sammeln, wo sie im Jahr 2001 in dem Klassiker „Gaslicht“ debütierte. Und hier lernte Indra Janorschke auch ihren späteren Ehepartner, den erfahrenen Schauspieler Dario Weberg, kennen und lieben.

Mit ihm gestaltete sie eine Goethe-Lesung, aus der sich eine neue Idee entwickelte: Mit biographischen Theaterstücken dem Publikum Leben und Werk bedeutender Schriftsteller vorstellen! Dem ersten Stück auf der Basis dieser Idee, „Die Musen hab` ich stets geachtet – Szenen aus Goethes Leben“, folgten weitere über Leben und Werk von Schiller, Kästner, Tucholsky, Ringelnatz, Busch und anderen. Präsentiert wurden sie von dem zu diesem Zweck gegründeten „LiteraTourTheater“, mit dem Janorschle und Weberg in gehobenen Restaurants, in Theatern, in privatem Rahmen, aber zum Beispiel auch beim Goethe-Institut. Über 20 Stücke, zumeist aus Indra Janorschkes Feder, kamen mit den Jahren zusammen und entführten die Besucher in die Zeit und die Welt berühmter Literaten, Dichter und Poeten.

Der Erfolg des „LiteraTourTheaters“ ermutigte Indra Janorschke, ihre Tätigkeit als Krankenschwester schon 2003 aufzugeben, das Abitur nachzuholen und mit einem Stipendium der „Stiftung des Deutschen Volkes“ Germanistik und Religionswissenschaften zu studieren. Ihre Pläne, zu promovieren, hat sie jedoch erst einmal aufgegeben, denn im vergangenen Jahr erhielt das Paar das attraktive Angebot von einem Investor, das Alte Kurbad“ in Wuppertal mit einem dort beheimateten Theater zu beleben. „Die Pläne sind allerdings gescheitert, weil an den Investor zu hohe Brandschutzauflagen gestellt wurden“, bedauert Indra Janorschke, die mit ihrem Mann ursprünglich gar nicht die Absicht gehabt hatte, mit einem Theater an einem Ort sesshaft zu werden. Doch in der viel versprechenden Planungszeit hatte das Ehepaar mit viel Liebe ein Konzept erarbeitet und echte Leidenschaft für das Projekt entwickelt. So sah man sich nach Alternativen um.

„Eine Marktanalyse ergab für Nordrhein-Westfalen zwei günstige Standorte – Köln und eben Hagen. Denn in Hagen gibt es kein freies Sprechtheater, und selbst am Hagener Stadttheater wird die Sparte mit Gastspielen von Tourneetheatern abgedeckt“, berichtet Indra Janorschke. Gleich das erste Gebäude, welches Janorschke und Weberg im Internet ausfindig machten, war ein Treffer ins Schwarze. Auf dem alten Elbersgelände in Hagen, einem früheren Industrieareal, das heute die Diskothek Fun-Park und Gastronomiebetriebe beheimatet, befindet sich ein alter Backsteinbau, die sogenannte Kapelle. Noch vor wenigen Jahren zeigte sich das Bauwerk als Ruine – und kaum jemand war bereit, einen Groschen auf den Fortbestand zu wetten. Jetzt wird unter der Regie eines Investors fleißig umgebaut, damit sich am 8. September der erste Vorhang für das „Theater an der Volme“ heben kann. Das Premierenstück wird Georg Kreislers „Heute abend: Lola Blau“ sein.

„Unser Spielplan entspricht dem eines kulturellen Gemischtwarenladens“, beschreibt Dario Weberg (55) das ambitionierte Programm. Spritzige Komödien, spannende Krimis, aber auch bekannte Klassiker und biografische Theaterstücke werden sich auf der Kapellen-Bühne abwechseln. Loriot- und Heinz Erhardt-Abende versprechen vergnügliche Stunden, während Georg Kreislers Schauspiel „Heute Abend: Lola Blau” und Goethes „Faust” nachhaltiges und ernsthaftes Theater bieten. Auch Krimifans kommen auf ihre Kosten. Mit dem Thriller „Misery” von Simon Moore, der auf der Romanvorlage von Stephen King basiert, ist Spannung garantiert.

An bis zu fünf Tagen pro Woche wird die Bühne des „Theater an der Volme“ bespielt – nicht nur von Indra Janorschke und Dario Weberg, sondern auch von weiteren Darstellern, die für diverse Stücke verpflichtet wurden. Auch Gastspiele wird es geben, zum Beispiel „Mein Freund Harvey“ mit Dr. Peter Schütze, das für die diesjährigen Hohenlimburger Schlossspiele produziert wurde. Zudem wird das Herdecker „Theater am Stiftsplatz“ mit Woody Allens „Spiel’s nochmal, Sam“ seine Visitenkarte an der Volme abgeben. Besonders freuen darf man sich auch auf eine unterhaltsame Weihnachtsrevue.

Angst, dass das Projekt scheitern könnte, hat Indra Janorschke nicht. „Wir sind in Hagen sehr gut von allen Beteiligten aufgenommen worden, und selbst mussten wir keine Summen investieren, die wir nicht verantworten können. Auch das LiterTourTheater wird es erst einmal weiter geben“, gehen die frisch gebackenen Theaterbesitzer ein kalkuliertes Risiko ein. Tickets und Spielpläne für das Theater an der Volme“, Dödterstraße 10, gibt’s montags und donnerstags direkt an der Theaterkasse, bei Pro Ticket (Ruf (0231/9172290, www.proticket.de) sowie beim wochenkurier, Mittelstraße 63-65 in Gevelsberg.