„Voll Psycho“: Crash-Kurs NRW

Über 700 Schüler der weiterführenden Ennepetaler Schulen nahmen am „Crash-Kurs NRW: Realität erleben - echt hart“ im Haus Ennepetal teil. (Foto: Frank Schmidt)
„Crash-Kurs NRW: Realität erleben - echt hart“ ist ein Präventionsprogramm, bei dem junge Menschen grausames Unfallgeschehen mit den Beteiligten nacherleben.

Ennepetal. (zico) Krachend schlägt der Blecheimer auf den Bühnenbrettern im Haus Ennepetal auf, und die darin aufbewahrten, auf Zetteln geschriebenen Lebensträume von vielen der über 700 versammelten Schüler aus den weiterführenden Schulen der Klutertstadt verteilen sich auf dem Boden. Von der Hoffnung auf Glück künden diese Zettel, auf Gesundheit, Freude und Spaß. Vom Traum nach einem erfüllten Leben. Doch für manche junge Menschen geht dieses Leben viel zu früh zu Ende – krachend, so wie eben der Blecheimer auf dem Boden aufgeschlagen ist.

„Bei 568 Verkehrsunfällen mit Personenschäden im Jahr 2011 im Bereich der Kreispolizei EN waren in 139 Fällen junge Erwachsene beteiligt. Das ist ein Anteil von knapp 25 Prozent. Der Bevölkerungsanteil der 16 bis 24-jährigen im Ennepe-Ruhr-Kreis beträgt im Vergleich dazu circa acht Prozent. Somit sind die jungen Erwachsenen überproportional an Verkehrsunfällen mit Verletzten beteiligt“, nennt Polizeioberrat Ralf Schmidt den Grund für die Veranstaltung „Crash-Kurs NRW: Realität erleben – echt hart“. Der Trend seiner Zahlen bestätigt sich in überregionalen Statistiken. In Nordrhein-Westfalen ereignen sich pro Jahr circa 550.000 Verkehrsunfälle. Über 600 Menschen werden dabei getötet. Auch hier ist der Anteil von jugendlichen Verkehrsteilnehmern bei den Verursachern von schweren Unfällen überproportional hoch.

Polizeioberrat Ralf Schmidt und Landrat Dr. Arnim Brux erläuterten den Sinn des Präventionsprogramms „Crash-Kurs NRW: Realität erleben - echt hart“. (Foto: Frank Schmidt)

„Überhöhte Geschwindigkeit, das Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes und der Konsum von Alkohol und Drogen sind die Hauptursachen für schwere Unfälle, bei denen Menschen im Straßenverkehr zu Tode kommen oder schwer verletzt werden. Deshalb geht die Polizei mit dem Präventionsprogramm ,Crash-Kurs NRW‘ neue Wege“, erläutert Landrat Dr. Arnim Brux den Grund für die Kampagne. Kern des Konzepts: Die anonyme Unfallmeldung, die in der Zeitung oft nur ein paar Zeilen einnimmt, wird konkret, in dem die Beteiligten das Geschehen aus ihrem eigenen Erleben schildern. Zudem werden Bilder vom Unfallort gezeigt. „Voll Psycho“, wie einer der Teilnehmer die 70 Minuten im Haus Ennepetal später schaudernd zusammenfasst.

„Voll Psycho“ ist auch die Nacht vom 14. auf den 15. Juni 2006 für die Polizeibeamten Katharina Schmidt und Ingo Kratzke, als sie um 2.57 Uhr zu einer Unfallstelle an der Haßlinghauser Straße in Sprockhövel gerufen werden. Katharina Schmidt steht zu diesem Zeitpunkt noch kein Jahr in Diensten der Polizei. Einer der drei jungen Menschen, die in dieser Nacht ihr Leben einbüßen, weil sie sich nicht angegurtet haben – es sind zwei Männer und eine Frau -, stirbt in ihren Armen. Dem Mädchen ist in Folge der Wucht des Unfalls das komplette Gesicht weggerissen. „Was ich bei diesem Einsatz gesehen habe, möchte ich nie wieder sehen“, berichtet Katharina Schmidt den Schülern. Es ist ganz still im Haus Ennepetal, und am Bühnenrand leuchtet zum Gedenken an die Unfallopfer eine Kerze.

Feuerwehrmann Christian Zittlau, Notfallseelsorger Roland Krämer, die Rettungsdienstler Jessica Leppla und Alexander Führing, die Notärzte Dr. Regine Ecker und Ludwin Ritter, sie alle erzählen von ihren Erlebnissen, auch von einem weiteren Unfalleinsatz auf der Schwelmer Talstraße mit einer Toten. Von abgetrennten Gliedmaßen und offenen Schädeldecken. Von zwecklosen Wiederbelebungsversuchen. Von den Schwierigkeiten, Opfer aus völlig zusammen gedrückten Autos herauszuschneiden. Von der physischen Schwierigkeit, Beatmungsschläuche in die Lungen schwer Verletzter zu drücken. Von erlebter Realität, die sich hinter einer flüchtigen Zeitungsmeldung verbirgt.

Nachdenkliches Schweigen löste Frank Erlbruch, Vater eines Verkehrsopfers, bei den über 700 Schülern mit seiner Schilderung von der Unfallnacht aus. (Foto: Frank Schmidt)

Auch Frank Erlbruch kommt zu Wort. Belegt, aber fest ist seine Stimme, als er von der letzten Umarmung, von den letzten Minuten mit seinem Sohn David erzählt. David ist einer der drei jungen Menschen, die 2006 an der Haßlinghauser Straße gestorben sind. Für Frank Erlbruch ist das Erzählen von den Ereignissen auch ein Weg, das grausame Geschehen zu verarbeiten. Die Schüler im Haus Ennepetal spüren, wie schwer es dem Vater fällt, sich das Geschehen erneut zu vergegenwärtigen. Als er mit seinem Bericht fertig ist, brandet von ehrlichem Respekt getragener Beifall auf.

„Wir wollen, das eure Lebensträume in Erfüllung gehen“, sagen die Moderatoren Sonja Nestmann und Frank Fels zum Schluss und warnen noch einmal eindringlich vor Alkohol- und Drogenkonsum, vor überhöhter Geschwindigkeit, vor Fahrten ohne Gurt und vor Ablenkung beim Fahren. Das Scheppern des Blecheimers klingt den über 700 Zehn- und Elftklässlern aus den Hauptschulen Effey und Friedenshöhe, aus Realschule, Gymnasium und Berufskolleg, noch in den Ohren.

Ob sie verstanden haben? „Die Bilder und Aussagen haben mich nachdenklich gemacht. Ich mache nächstes Jahr den Führerschein und werde mich daran erinnern“, ist der 16-jährige Murat Birgül von der Realschule überzeut. Und Lisa Heinemann (17) vom Reichenbach-Gymnasium, die bereits einen Führerschein hat, ergänzt: „Es war sehr traurig, als der Vater des Jungen erzählt hat. Das war eine gute Veranstaltung.“

Weitere Infos gibt es auf den Internetseiten der Polizei NRW.