Weihnachtsbräuche in Alabama

Der bekannte Schauspieler Michael Mendl signierte im Anschluss an seine Lesung bereitliegende Bücher mit den vorgetragenen Texten. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „Die Kunden der Sparkasse können uns immer vertrauen“, verkündete der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Gevelsberg im Zentrum für Kirche und Kultur an der Südstraße, wo vor wenigen Tagen wieder eine hochkarätige, von dem heimischen Geldinstitut organisierte Kulturveranstaltung stattfand: „Das betrifft unser Finanzmanagement ebenso wie die Programmauswahl.“

Recht hatte er, denn mit dem Schauspieler Michael Mendl, wohl am bekanntesten geworden mit dessen Darstellung des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt im Fernsehfilm „Im Schatten der Macht“, hatte man wieder einmal einen hochkarätigen „Vorleser“ verpflichtet, dessen besondere Kunst in der Besetzung von Charakterrollen und sensiblen Porträts bekannter Persönlichkeiten besteht.

Das bis zur Lesung geheim gehaltene Programm war auf die Adventszeit abgestimmt, und der 1945 in Lünen geborene Mime brachte den 520 Gästen im voll besetzten Saal Weihnachtsgeschichten besonderer Art von Truman Capote, Charles Dickens und Alphonse Daudet zu Gehör.

„Der silberne Krug“ von Truman Capote versetzte das Publikum in eine Kleinstadt im US-Staat Alabama zu einer Zeit, wo man dort noch das alte T-Modell von Ford fuhr, also etwa 1920. Der findige Drugstore-Besitzer Mister Marshal war zur Kundenwerbung auf die Idee gekommen, einen Schätzkrug mit Münzen aufzustellen, dessen Inhalt von 77,35 US-Dollar der arme Provinzjunge Appleseed mit einer fast unheimlich anmutenden, haargenauen Punktlandung erraten und sich über den Inhalt als Gewinn freuen konnte.

Typisch sozialkritisch ging es bei Charles Dickens zu, dessen „A Christmas Carol“ zu den Klassikern der Weltliteratur zählt, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Der geizige und menschenfeindliche Ebenezer Scrooge verwirft in diesem Stück jede Gefühlsregung, die über seinen von reiner Rationalität geprägten Horizont hinausgeht. Michael Mendl las aus diesem Werk nur eine kurze Passage vor und regte damit dazu an, das gesamte Werk selbst einmal zu lesen, um die Läuterung des verschrobenen Kauzes bei der Erscheinung eines Geists selbst zu erfahren.

Sparkassen-Chef Thomas Biermann (links) überreichte Michael Mendl eine Münzsammlung als bleibende Erinnerung an Gevelsberg. (Foto: Stefan Scheler)

Mehr mediterran besinnlich und humorvoll kam „Die drei stillen Messen“ von Alphonse Daudet daher. Die amüsante, aber auch nachdenklich stimmende Geschichte handelt vom Priester Don Antonio, in dessen Messdiener der Teufel gefahren ist und den Gottesmann zur Völlerei verführt. Nur noch an die Köstlichkeiten des Mahls nach dem Gottesdienst zu Heiligabend denkend, hastet der Geistliche so durch seine Litanei, dass der erzürnte Gott, der Don Antonio wegen dieses Vorfalls die Anerkennung für ein sonst tugendhaftes Leben versagt, diesem als Buße dreihundert Messen zu lesen aufgibt. Solcherart Veranstaltungen finden Jahre später als bedrückender Spuk lange nach dem Tod aller Beteiligten in der verfallenen Kirche jeweils nach Mitternacht statt.

All diese Erzählungen trug der 2009 mit dem Publikumspreis „Jupiter“ ausgezeichnete Künstler in einer Art vor, die Thomas Biermann zu dem Lob veranlasste: „Er hat uns die Texte nicht vorgelesen, sondern er hat sie aufgeführt.“ Da machte es auch nichts, dass der wortgewaltige Akteur des Films „Der Untergang“ beim Begriff „Presbyterianer“ sprachlich leicht ins Straucheln kam.

Zum Dank überreichte Thomas Biermann dem berühmten Gast, der auch mit Produktionen wie „Der Schattenmann“ oder dem „Deutschlandspiel“, einer Darstellung der deutschen Wiedervereinigung, bekannt geworden ist, eine Auswahl edler Münzen mit dem launigen Kommentar: „Als Sparkasse haben wir einen Sinn für Dinge von bleibendem Wert.“