Wenn Marylin heiß auf den Wochenkurier ist …

Von Stefan Scheler

Los Angeles/EN-Kreis. „I‘m the million dollar man“, mit diesen Worten versuchte der Obdachlose auf dem Century Boulevard in Los Angeles von Passanten etwas Wechselgeld zu erbetteln. Als er das auf einem Tankstellengelände unternahm, war schnell ein Streifenwagen der Polizei am Ort. Als die Cops ihre Tonfas – Gummiknüppel mit Seitengriff – aus den Türhalterungen nahmen, war „million dollar man“ schnell verschwunden.

Sozial hatte mich bei meinem vierzehntägigen Aufenthalt in Los Angeles schon einiges geschockt. Überall „Homeless“ – also Obdachlose, Heimatlose – die ihre gesamte Habe in Einkaufswagen vor sich her schoben. Ständig ein dezenter Gestank nach Urin; die Stadtwerke machen zwar in den besseren Gegenden pünktlich sauber, können aber kein Parfüm versprühen.

Schmuddelige Atmosphäre

Selbst Downtown, also in der Innenstadt, nahe den Türmen der Großbanken, lebt diese etwas schmuddelige Atmosphäre. Hier war einmal das Eldorado der Premierenkinos. Die ehemaligen Filmpaläste, die als erste die neuesten Produktionen aus dem nahe gelegenen Hollywood zeigten, sind nun entweder die in dieser Gegend allgegenwärtigen Schmuck- und Elektronikgeschäfte oder dienen jetzt selbst gegen Miete als Filmkulissen. Aus einem ehemaligen „Theater“, wie in den USA die Kinos heißen, ist sogar eine Kirche für Latinos, die mexikanischen Einwanderer, geworden: Catedral de la Fé – Die Kathedrale des Glaubens.

So groß wie das Ruhrgebiet

Latinos stellen übrigens neben den Afroamerikanern die größte Bevölkerungsgruppe in einer Stadt, die nach Einwohnerzahl und Flächengröße mit dem gesamten Ruhrgebiet zu vergleichen ist. Umgangssprache ist zum großen Teil Spanisch; Englisch ist jedoch Amtssprache, und jedermann muss sie beherrschen. Allerdings haben die Einwanderer aus dem Süden, welche überwiegend die weniger gut bezahlten Jobs machen, ihre eigene Kultur mitgebracht. Man merkt das beim Essen: Tacos – gefüllte Teigtaschen – und Tortillas sind in der Gastronomie allgegenwärtig. Es gibt aber auch Latinos, die sehr angesehene Berufe ausüben. Einer von ihnen ist Alfonso Flores, der stolz die dunkelblaue Uniform des LAPD – Los Angeles Police Department – trägt. Jeden Mittwoch sind er und sein Partner Dave Bowen, ein Afroamerikaner, mit ihrem Streifenwagen, umgangssprachlich wegen der Lackierung „black and white – Schwarzweißer“ genannt, am Pershing Square. Auf diesem zentralen Platz in Downtown LA findet dann nämlich der Wochenmarkt statt, mit Textilien, Grill und Leckereien. Die angebotenen Waren stammen wiederum überwiegend aus dem Land südlich der US-Grenze.

Officers Dave Bowen (links) und Alfonso Flores vom LAPD grüßen auf dem Pershing Square die Leser des wochenkurier und besonders ihre deutschen Kollegen. (Foto: Stefan Scheler)
Officers Dave Bowen (links) und Alfonso Flores vom LAPD grüßen auf dem Pershing Square die Leser des wochenkurier und besonders ihre deutschen Kollegen. (Foto: Stefan Scheler)

Mit der Polizei machte ich auch angenehme Bekanntschaft in der LAPD-Academy, der Polizeischule. Im Gegensatz zu den Ordnungshütern hierzulande ist man sehr offen gegenüber Zivilisten. Ich durfte sogar den Waschraum in der Umkleide benutzen, wo die Cops ihre Zivilkleidung gegen die Uniform tauschen.

Während man das Knallen des Schießtrainings im Ohr hat, kann man im Police Store T-Shirts, Tassen und Taschen mit dem ovalen Dienstabzeichen des LAPD kaufen. Uniformteile sind allerdings nur autorisierten Käufern vorbehalten. Ich erlebte, wie ein Detektive sich eine neue Halterung für sein Dienstabzeichen besorgte und sein uniformierter Kollege neue Ärmelstreifen erstand.

Marylins Grüße an deutsche Großmutter

Das Los Angeles des Films erlebt man am nordwestlich gelegenen Hollywood Boulevard, wo die Sterne mit den Namen großer Schauspieler, Regisseure und Musiker in den Gehweg, Sidewalk genannt, eingelassen sind. Hier traf ich Kim Hollywood alias Marilyn Monroe („Manche mögen’s heiß“) , eine Amateurschauspielerin, die sich wie viele andere ein Trinkgeld mit dem Posieren für Fotografen verdient. Im aktuellen Fall ließ sie sich für den Wochenkurier ablichten und lässt ihre deutsche Großmutter grüßen. „Wo sie lebt, weiß ich nicht“, gibt zu auf Englisch zu verstehen, um mit deutschen Worten hinzuzufügen: „Vielleicht in Hamburg.“

Deutschland ist recht populär im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie ich beim Besuch in „Carl‘s jr.“, der Filiale einer Hamburger-Kette, feststellte. Eine mit Germany-Pulli gekleidete Afroamerikanerin verortete unser Land dann allerdings nach Skandinavien.

Toll war auch der Doughnut Stop – auf die korrekte Schreibweise von Donut legt Inhaber Maceo B. Sheffield besonderen Wert. In der Bäckerei mit großen Scheiben zeigt er jedem, wie er seine Köstlichkeiten zaubert. Zudem dient der Laden in einem Viertel am Martin Luther King Boulevard, wo man kaum ein weißes Gesicht sieht, als eine Art Gemeindezentrum.

Los Angeles hat viele Facetten, von denen man hierzulande aus Filmen nur wenige kennt. Es lohnt sich, hinzufliegen. Vorsicht nur vor dem Osten der Stadt: Gangland!