Wofür gab es eine Stadtmauer?

Becky Mallott aus Westerville, Ohio, trug sich wie alle ihre mitgereisten Landsleute in das Goldene Buch der Stadt Schwelm ein. (Foto: Stefan Scheler)

Schwelm. (Sche) „Why did you have a wall – Warum gab es eine Stadtmauer?“ fragte die sechsjährige Anna Cochrane aus Westerville im US-Bundesstaat Ohio Bürgermeister Jochen Stobbe bei eine Stippvisite im Schwelmer Rathaus vor wenigen Tagen. Die Antwort, übersetzt von Pfarrerin Sigrid Rother, die seit neun Jahren in der amerikanischen Gemeinde lebt, fiel recht historisch und verwaltungstechnisch aus. Dafür brachte es ein anderer Gast aus den USA auf den Punkt. „Did you expect an attack from Wuppertal – Fürchteten sie einen Angriff aus Wuppertal?“ wollte er im Scherz wissen.

Mit kurzweiligen Fragen nach einem knappen Vortrag über Schwelm, sein Umland und die hiesige Verwaltungsstruktur belebten die weit gereisten Gäste den mit 50 Minuten straff organisierten Besuchstermin. Die Frage nach einer örtlichen Polizei in städtischer Trägerschaft musste der Bürgermeister verneinen. Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine bewaffneten kommunalen Ordnungshüter. Auch viele andere deutsche Einrichtungen und Regelungen finden in den USA keine direkten Entsprechungen. So runzelten die Amerikaner bei folgender Erklärung von Jochen Stobbe ungläubig die Stirn: „Ein Großteil unseres Stadthaushalts fließt in die Sozialausgaben.“ Dies widerspricht eben völlig dem Leitprinzip der US-Gesellschaft, das da lautet: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, was übersetzt so auch auf dem Dollar steht: „In God we trust.“

14 Teilnehmer der Reise vom Erie-See an die Schwelme wohnten bei sieben Familien. Die Stadt Schwelm empfing sie im Rathaus. (Foto: Stefan Scheler)

Religiös motiviert ist der gesamte Besuch der Menschen aus Ohio, der auf Vermittlung der United Church of Christ (UCC) und der Evangelischen Kirchengemeinde Schwelm erfolgt. Die „Buckeyes“, wie sich die Ohio-Bewohner nach einem großen „Auge“ oder „O“ in ihrer Staatsflagge nennen, besuchten etliche lokale und regionale Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel die Wuppertaler Schwebebahn, den Kölner Dom und die Gemarker Kirche in Barmen, bekannt von der „Barmer Erklärung“ evangelischer Christen in der Zeit der Nazi-Diktatur. Nach dem Aufenthalt im EN-Kreis führt die Reise an die Wirkungsstätten Martin Luthers in Wittenberg und auf der Wartburg. Das ehemalige KZ Buchenwald bei Weimar besuchen die Gäste aus Übersee entsprechend ihrer ausdrücklichen Bitte.

Bürgermeister Jochen Stobbe wünschte der Reisegesellschaft für ihren weiteren Aufenthalt alles Gute und überreichte ihr das Buch „500 Jahre Schwelm“. Außerdem bekam jeder Gast einen Stadtplan der Kreisstadt mit erklärenden Randbemerkungen und ein Exemplar der Broschüre „Hier in Schwelm…“ Eine besondere Ehre stellte für die US-Bürger der Eintrag ins goldene Buch der Stadt dar.

Bereits 2009 waren Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Schwelm in Westerville gewesen. Die 35.000 Einwohner-Stadt liegt am nördlichen Stadtrand von Columbus, Ohio, etwa 150 Kilometer südlich des Erie-Sees. Übrigens unterhält der US-Bundesstaat Ohio seit 25 Jahren eine Partnerschaft mit Westfalen. Aufgrund der in etwa vergleichbaren Größe von Westerville und Schwelm entdeckten die im Rathaus anwesenden Bürger beider Städte einige Übereinstimmungen, aber auch wesentliche Unterschiede beider Gemeinden. Gesundheitswesen und Kirchenorganisation in Deutschland weichen vom US-System doch beträchtlich ab.

Vor der Abreise trafen sich Besucher und Gastgeber im Gemeindehaus Linderhausen noch einmal zu einem Gottesdienst, dem ein gemütliches Beisammensein zum ausgiebigen Abschiednehmen folgte.