Zwiebelturm-Geläut blickt auf lange Tradition zurück

Friedbert Buchner vom Heimat- und Geschichtsverein vor zwei der insgesamt vier mächtigen Gussstahlglocken. (Foto: Stefan Scheler)

Sprockhövel. (Sche) Der Weg in den Glockenturm der Zwiebelturmkirche in Niedersprockhövel ist lang, aber nicht beschwerlich. Bis auf die letzten paar Meter führt der Gang zum Geläut über stabile Holztreppen. „Ich leite öfter Führungen bis unter den Turmhelm“, berichtet Friedbert Buchner vom Heimat- und Geschichtsverein Sprockhövel: „Der Steinturm ist voll begehbar; die Holzverkleidung des Turmhelms besuchen wir seltener.“

Im obersten Stockwerk der gemauerten Abteilung hängen vier Gussstahlglocken, 1955  vom Bochumer Verein gefertigt, an ihren geraden Stahljochen und warten auf ihren Einsatz. Den gibt ein Präzisionsläutwerk aus dem 19. Jahrhundert, das mit seinen vielen Pendeln, Stangen und Zahnrädern jeden Freund alter Technik begeistert. „Diese historische Anlage wurde damals vom Küster per Handkurbel aufgezogen“, berichtet Friedbert Buchner, selbst früher als Ingenieur tätig: „Gewichte nutzten die Energie der Schwerkraft für den Antrieb der Zentraluhr, welche über Kardanwellen die Zeit an die vier Zifferblätter an den Turmseiten weitergab.“

Die Anordnung ist heute noch die gleiche wie vor rund 130 Jahren, allerdings zieht jetzt ein starker Elektromotor die Gewichte nach oben, die nun nur noch für den Betrieb der Stundenglocke nötig sind. Die genaue Uhrzeit kommt von einer geeichten Funkuhr. Am Steuerwerk der

Dieses historische Läutwerk gibt - von moderner Technik unterstützt - seine Kommandos an Uhr und Glocken. (Foto: Stefan Scheler)

Totenglocke entdeckt man eine kleine Stabantenne. „Damit löst ein Kirchenmitarbeiter bei Begräbnissen per Funk das Läutwerk aus“, erklärt Friedbert Buchner: „Man kann ja den Moment, in dem sich der Sarg in die Erde senkt, nicht exakt vorher einstellen.“

Im Turm hängt auch die so genannte „Vaterunserglocke“, welche jeweils bei den sieben Fürbitten des Gebets erklingt. Alle Klangkörper sind aus Gussstahl gefertigt, da geschmiedetes Material beim Anschlagen scheppern würde.

Sozusagen als „Kleinod“ ruht im vorderen Teil des Kirchenschiffs, auf einem Sockel nur zur Besichtigung aufgestellt, die Romanus-Glocke mit wechselvoller Vergangenheit. Als ältestes Kulturgut in Sprockhövel und älteste Glocke im EN-Kreis hing die 1527 gegossene Bronzeglocke zunächst 58 Jahre lang in der katholischen Kirche, bevor das Gotteshaus nach Martin Luthers Thesen evangelisch wurde. Die mit lateinischer Inschrift verzierte Glocke diente bis zum deren Abriss 1784 in der alten Kirche. Dann läutete sie noch über 150 Jahre lang in

Heimatpfleger Friedbert Buchner neben der Romanus-Glocke mit großer Geschichte in der Sprockhöveler Zwiebelturmkirche. (Foto: Stefan Scheler)

der Zwiebelturmkirche. Im Jahr 1937 drehte man den Klöppel, der wegen seiner Abnutzung den Glockenkörper fast zum Zerspringen gebracht hatte, um 90 Grad, was das Problem für die verbleibenden fünf Jahre löste. Die Nationalsozialisten stuften „Romanus“ 1940 als kriegswichtig ein und ließen sie 1942 abtransportieren.

In Hamburg-Veddel rettete vermutlich einer der vielen verheerenden Luftangriffe die Kostbarkeit vor dem Einschmelzen, so dass diese – wie durch ein Wunder unversehrt – 1948 ihre Rückreise an die Ruhr antreten konnte. 1955 schenkte die evangelische Gemeinde Niedersprockhövel das wertvolle Stück den Glaubensbrüdern in Obersprockhövel, wo es bis zur Entweihung der dortigen Kirche im Jahr 2008 erklang. Die Rückholaktion an alte Stelle war dank der Spenden des Heimat- und Geschichtsvereins Sprockhövel und großzügiger Transportunterstützung einer Schwelmer Speditionsfirma möglich geworden.

„Nun steht sie hier neben dem Altar und genießt ihren Ruhestand“, schwärmt Friedbert Buchner: „Für alle Gläubigen und die zahlreichen Besuchergruppen ist sie ein würdiger und prächtiger Anblick.“