Gefühle – mehr als ein Spielball

Wenn Sie, liebe Leser, mal wieder so richtig lachen wollen, dann schnappen sie sich am morgigen Sonntag um 6 Uhr in der früh eine Schneeschnaufel und kratzen mal ein wenig über den Gehsteig. Hui, Sie werden sich wundern, wie da die Rollos in Ihrer Straße hochgehen. QuENgelbert übernimmt allerdings keine Gewähr dafür, dass Ihnen die ergrimmte Nachbarschaft nicht kollektiv einen Vogel zeigt.

Zugegeben, die Idee zu dem Streich stammt nicht von QuENgelbert. Der QuENgler hat sie vorgestern im sozialen Netzwerk „Facebook“ gesehen und sich köstlich darüber amüsiert. Da ist ja ohnehin bald die halbe Menscheit unterwegs, in diesem „Gesichtsbuch“, und manche teilen dem staunenden Freundeskreis dort vom ersten Toilettengang am morgen bis hin zum Unverständnis über den schlechten Spätfilm so ziemlich alles mit, was am Tag so vor geht.

Seit „Facebook“ bestimmen die Medien mehr denn je nicht nur, was wir wissen, sondern auch, was wir fühlen. Ob uns, wie bei dem Schneeschaufelspaß, ein Lächeln übers Gesicht huscht, oder ob wir betrübt aus der Wäsche schauen. Ganz aktuell haben wir ja wieder sehr betroffen zu sein, anlässlich des Attentats beim Boston-Marathon. Zeitungen und Fernsehstationen vermitteln zur blanken Nachricht auch die Emotionen, die uns intensivst berühren sollen. Und auf Facebook kursiert das Bild einer Kerze, die symbolisch zum Gedenken an die Opfer brennt.

Vor zwei Wochen brannte auf Facebook keine Kerze. Stattdessen konnte man in einigen Zeitungen eine kleine Meldung lesen: „Bei einem Nato-Luftangriff im Osten Afghanistans sind nach Angaben der Provinzregierung zehn Kinder und eine Frau getötet worden. Der Sprecher des Provinzgouverneurs, Wasifullah Wasifi, sagte am Sonntag, bei dem Bombardement seien am Samstag auch mehrere Menschen verletzt worden.“ (dpa vom 7.4.2013)

Die Toten von Boston sind so beklagenswert wie die im Osten Afghanistans. Die einen betrauern wir, die anderen nicht. Mehr noch, wir sind wütend, vielleicht sogar voller Hass auf die Attentäter, die den Anschlag in den USA verübt haben, denn wir bekommen rund um die Uhr vor Augen geführt, wie abscheulich wir das zu finden haben.

Die Toten in Afghanistan sind dagegen nur ein Kollateralschaden. Absurd, oder?

QuENgelberts Oma las die Zeitung immer von hinten nach vorn. Ab und zu verdrückte sie dabei eine Träne, denn hinten standen die Todesanzeigen, und mitunter stand jemand drin, den sie gekannt hatte. Das waren denn doch noch echte Gefühle, die von den Medien transportiert wurden, denn sie hatten mit Omas Leben zu tun.

Gefühle sind heute ein Spielball geworden, den Fernsehen, Facebook und andere Medien heute hierhin, morgen dorthin befördern. Längst spielen wir mit, hauen leichtfertig einen Dppelpunkt, einen Gedankenstrich und ein „Klammer-zu“ in die Computer-Tastatur und vermitteln so mit einem „Smiley“ Fröhlichkeit. Gleich darauf nehmen wir Anteil in einem Trauerfall und entbieten ein mitfühlendes R.I.P. – Ruhe in Frieden…

Vielleicht sollten wir uns ja doch mal wieder mehr in unserer realen Umgebung fühlen. Echte Emotionen erleben, mit echten Menschen, die wir nicht nur aus flimmernden Bildern kennen. Deshalb ist die Idee mit der Schneeschaufel eigentlich gar nicht so schlecht – auch wenn sie aus dem „Facebook“ kommt…