Wir sind so frei

Ach ja – man weiß nicht, wie man‘s richtig macht.

Ist doch so. Jeder versucht, in der Beurteilung der Dinge noch erhabener zu sein als der andere. Nur leider ist das eine sehr schwierige Disziplin.

Nehmen wir zum Beispiel mal Grass. Den fand QuENgelbert nie so richtig klasse, sondern, zum Beispiel als Blechtrommler, eher ein wenig ekelig. Dennoch mag er ein anerkannt guter Schriftsteller sein – da hat QuENgelbert gar nichts dagegen. Und nun hat das Nobelpreis-Aushängeschild der deutschen Literatur ein Gedicht losgelassen und damit ein Tabuthema angerührt: Israel!

Mal ganz unabhängig davon, ob Grass nun Recht hat oder nicht – darf der 84-Jährige überhaupt das Wort gegen den Staat jener Menschen erheben, denen Deutsche soviel Leid zugefügt haben. Als Deutscher, und noch dazu als früheres Mitglied der Waffen-SS?

Nach QuENgelberts Meinung ja. Nicht weil der Federreiter seine Meinung teilte, und schon gar nicht, weil Grass‘ Arbeit nun von herausragender Qualität sei. Was Grass da nach eigenem Verständnis sagen musste, ist schon vorher von manchem gesagt worden, ohne dass man allgemein aufschrie.

Es ist die Meinungsfreiheit, das Recht, zu sagen, was man denkt, das über allem steht. Das auch ein Günter Grass, der ja nun wirklich differenziert zu denken vermag, zumal „mit letzter Tinte“, für sich in Anspruch nehmen darf. Ihn dafür fürderhin nicht mehr ins Land Israel einreisen lassen zu dürfen, ist zwar aus der Erschütterung an niemals verzeihliche Barbarei heraus verständlich, entspricht aber nicht dem Gebot der Toleranz. Und die ist ein sehr hohes Gut.

Dass man es damit allerdings auch übertreiben kann, mit Toleranz und Verständnis, beweist kein Land so gut wie dieses unsere. Nehmen wir das Thema Inklusion im Schulwesen – hier geht es zum Beispiel darum, dass Lernbehinderte gemeinsam mit Hochbegabten unterrichtet werden sollen beziehungsweise müssen. Die UN will es so und pocht auf vermeintliche Menschenrechte. Und darum bemühen sich bundesweit Experten auf Konferenzen mit hochroten Köpfen um eine sinnvolle Umsetzung.

Dass das nur in die Hose gehen kann, sollte dabei doch allen klar sein. Ein Pfiffikus kann halt mehr lernen als einer, dem dazu leider das Rüstzeug fehlt – auch wenn Letzterer deswegen noch lange kein schlechterer Mensch ist.

Oder die Sache mit dem Freigang für Schwerverbrecher. Auch hier entspreche es dem Menschenrecht, Mörder schon fünf Jahre nach ihrer Grauentat wieder „auf Besuch“ unter die Menschheit zu lassen, um sie auf ihre Zeit nach dem Strafvollzug vorzubereiten. Auch wenn die Risiken auf neuerliche Verbrechen bekannt sind und zahlreiche „Freigänger“ erneut Straftaten schwersten Ausmaßes begangen haben.

Wem ist der Humanismus eigentlich verpflichtet, wenn das Resultat seiner Verwirklichung erneut Barbarei bedeuten kann?

Man wäre so gerne gut und perfekt, allen Menschen gegenüber. „Ach der Mensch wär lieber gut als roh, nur die Verhältnisse, die sind nicht so “, heißt es in der Dreigroschenoper. Von Brecht, einem Kollegen des Herrn Grass.

Der war zwar auch ein Verfechter von Toleranz, durfte deswegen aber noch lange nicht überall hinreisen, wohin er wollte. Nicht mal in die „freien“ Westzonen der damaligen Weltordnung…