75 Jahre gelebte Nachbarschaft

Bürgermeister Jochen Stobbe (Zweiter von links) und Gattin Carina (links) gratulierten Obernachbarin Helga Weitzel und ihrem Ehemann Achim. (Foto: Stefan Scheler)

Schwelm. (Sche) „Nachbarschaft ist mehr als ein Name“, begründete Eva-Maria Förster, Ehrenvorsitzende der Nachbarschaft Zum Parlament, bei der offiziellen Feier zum 75. Bestehen im Ibach-Haus vor wenigen Tagen ihre Begeisterung für das Schwelmer Brauchtum: „Als Traditionsverein ist man mit 75 Jahren nicht alt. Darum sollten wir bei aller nostalgischen Rückschau den Blick nach vorn in die Zukunft nicht vergessen.“

Gut 90 Gäste, unter ihnen Bürgermeister Jochen Stobbe mit Gattin Carina sowie der Dacho-Vorstand mit einem Scheck über 500 Euro und Vertreter aller anderen Nachbarschaften, waren in den ehemaligen Ausstellungsraum der einstigen Klaviermanufaktur Ibach an der Wilhelmstraße gekommen, um die Jubilare gebührend zu feiern und zu ehren.

Bei erfrischenden Getränken – aus gegebenem Anlass leider zum ersten Mal ohne Schwelmer Pils – und einem leckeren Buffet erzählte man sich Dönekes aus vergangenen Tagen. Der Wirt Erich Krägeloh und Hermann Gutmann gründeten die spätere Nachbarschaft Zum Parlament unter dem Namen Nachbarschaft Mittelstadt in der damaligen Gaststätte Krägeloh an der Ecke Wilhelmstraße/Moltkestraße im Jahr 1936. Es war die Zeit der damals noch „aufstrebenden“ Hitler-Herrschaft, als Olympische Spiele und Autobahnbau das Volk noch begeisterten. 1937 errang die Nachbarschaft unter dem Motto „Die Saake löppt – die Sache läuft“ und dem Beitrag „Es sollen noch Arbeiter eingestellt werden“ den zehnten Platz bei der ersten Teilnahme am Festzug – übrigens im strömenden Regen.

Vorsitzende Christiane Sartor (Mitte) und Geschäftsführer Andreas Merken überreichten für die Dacho einen Scheck über 500 Euro für die weitere Arbeit. (Foto: Stefan Scheler)

Dies zeigte, dass man von den ersten Erfolgen des neuen Regimes nach der verheerenden Weltwirtschaftskrise durchaus zunächst beeindruckt war. Auch an einen heraufziehenden Weltkrieg schien man noch nicht zu glauben, belegten die Nachbarn aus der Mittelstadt doch 1938, ein Jahr vor dem Angriff auf Polen, noch einen achten Platz mit dem Beitrag „Friedensengel“. Neben der Mittelstadt lief in jenem Jahr zum ersten Mal auch ein Beitrag der neu gegründeten Nachbarschaft „Zum Parlament“ beim in jenen Tagen noch als Kirmeszug betitelten Festkorso mit. Im gleichen Jahr hatten Paula und Emil Wildförster die Nachbarschaft „Zum Parlament“ formell an der unteren Mittelstraße, unweit des heutigen Hallenbads an der Umspannstation der AVU, unter ihrem noch heute bestehenden Namen gegründet. Da die Wurzeln des Vereins jedoch bis in die Nachbarschaft Mittelstadt aus dem Jahr 1936 zurückgehen, aus denen sich auch die Nachbarschaft „Zur alten Post“ entwickelte, feiern die Heimatfestfreunde um Obernachbarin Helga Weitzel eben in diesen Tagen ein Dreivierteljahrhundert mit Höhen und Tiefen.

„Die Höhen sind die gute Nachbarschaft, die mich zu den ,Parlamentariern‘ gezogen hat, und welche ich immer wieder auf dem Bauplatz und auf Sommerfesten bewiesen bekomme“, schwärmte Eva-Maria Förster vom „Stallgeruch“ der heute an der Wiedenhaufe beheimateten, rund 60 Mitglieder starken Gemeinschaft: „Zu den Tiefen gehört, dass wir nicht mehr so viele sind wie früher, als sich etwa 150 Personen bei uns aktiv für das Schwelmer Brauchtum begeisterten.“

Dass es mit zahlreichen jüngeren Mitstreitern einen Silberstreif am Zukunfts-Horizont gibt, dafür dankte die Ehrenvorsitzende der aktuellen Obernachbarin Helga Weitzel, die Bürgermeister Jochen Stobbe auch als Parlaments-Nachbarn begrüßte. „Da bin ich in der Mitte der Stadt“, flachste der erste Bürger Schwelms: „Dort, wo ich alles mitbekomme.“ Der Bürgermeister bemerkte, dass 1936 offenbar trotz aller sich ankündigenden Umbrüche ein Jahr der Zuversicht gewesen sei, denn in dieser Zeit hätten sich neben den „Parlamentariern“ auch vier weitere Nachbarschaften gegründet.

„Da bestand eine große Begeisterung für Heimat, nachbarschaftliches Zusammenleben und Tradition“, erklärte Helga Weitzel dieses Phänomen: „Bei uns – und ich glaube, auch bei allen anderen – ist das auch heute noch so.“

Die große Gala zum 75-jährigen Jubiläum der Nachbarschaft „Zum Parlament“ findet am Samstag, 26. November 2011, in der zurzeit entstehenden Halle der Kfz-Prüfstelle Erkiliç an der Eisenwerkstraße 4 a-c in Schwelm statt.