Angst vor Abschiebung: Wer muss zurück nach Afghanistan?

Ernst wurde es am vergangenen Mittwochabend

Ernst wurde es am vergangenen Mittwochabend, 13. September, im Filmriss-Kino in Gevelsberg. Menschenrechtler Wolfgang Gerz (l.) sprach mit jungen afghanischen Männern und Frauen über die Probleme der Abschiebungspolitik. Basir Najimi (r.) vom Filmriss sta

Gevelsberg. (lz) Es ist kurz vor 19 Uhr. Vor dem Eingang des Filmriss-Kinos in Gevelsberg drängen sich junge Männer ins Gebäude. Sie sprechen kein Deutsch. Im Foyer des Filmriss springt den Gästen ein Infostand ins Auge. Hier liegen Broschüren einer Organisation aus, die sich für Menschen aus aller Welt einsetzt und für ihre Rechte eintritt: Amnesty International.
Zum gemeinsamen Dialog
Am diesem Abend des 13. September soll hier in wenigen Minuten der „Pro Asyl“-Gründer Wolfgang Gerz sprechen.
Der ehemalige Generalsekretär von Amnesty International und gleichzeitiges Vorstandsmitglied der UNO-Flüchtlingshilfe will an diesem Abend mit jungen afghanischen Männern und Frauen in den Dialog treten. Da jedoch auch viele nicht deutschsprachige Besucher anwesend sind, übersetzt Basir Najimi Satz für Satz.
Ein Abend, der einlädt, trotz Sprachbarrieren, Fragen zu stellen und Ängste zu äußern.
Nur geduldet
Denn während ich mich als deutsche Staatsbürgerin in meinem Land, das die Würde des Menschen für unantastbar erklärt, sicher und gut aufgehoben fühle, geht es vielen der anwesenden Menschen nicht so. Sie werden „geduldet“, haben oftmals keine offiziell anerkannte Aufenthaltsgenehmigung, obwohl sie seit Jahren in Deutschland leben und hier arbeiten. Und nach neubeschlossener Gesetzeslage, so berichtet Wolfgang Grenz, soll vor allem die Abschiebung aus Deutschland nach Afghanistan nun wieder zunehmen.
Doch: „Wo bleibt da die Menschlichkeit?“ Das fragt an diesem Abend ein junger afgha­nischer Besucher. „Werden wir dann einfach zum Spielball der Politik?“, fragt er Gerz sichtlich erregt.
Das Filmriss-Kino ist an diesem Mittwochabend ein Ort, an dem die verärgerten und verunsicherten Menschen ihrem Unmut Ausdruck verleihen können und zudem ein offenes Ohr finden.
Wer ist wirklich ohne Schutz?
Detailliert erläutert Gerz die verschiedenen Gesetzes­lagen und Einstufungen, die zur Abschiebung führen können. „All jene, die eine Asyl­berechtigung nach Artikel 16 haben, sind erst einmal sicher“, erklärt er.
Darüber hinaus zähle in Deutschland vor allem der internationale Flüchtlingsschutz und der Flüchtlingsschutz gemäß Genfer Flüchtlingskonvention. „Das heißt, dass alle, die unter dem Schutz stehen, nichts befürchten müssen.“
Leistungsstärke
Ein Problem seien insbesondere junge Männer, denn man überprüfe, ob sie leistungsstark genug seien, um sich in Städten wie Kabul durchzuschlagen. „Dennoch gilt diese Region keinesfalls als sicher“, so Gerz. Allein im April gab es dort durch einen Angriff der Taliban auf den afghanischen Sicherheitsdienst 64 Tote und 43 Verletzte.
Darüber hinaus gilt vor allem der Status „Duldung“ als kritisch, ganz gleich, ob man bereits in Deutschland fest integriert ist, lebt und arbeitet. Jahrelang gab es bei der reinen „Duldung“ kein Problem, doch durch die neuen Beschlüsse der Politiker sind Menschen mit einer „Duldung“ nun nicht mehr allzu sicher.
„Meine Empfehlung ist es daher, sich früh an Beratungsstellen und Rechtsanwälte zu wenden“, sagt Wolfgang Gerz. „Auch wenn Sie jemanden mit einer Duldung kennen, machen Sie ihn auf die Situation aufmerksam. Schauen Sie nicht weg! Denn“, so Gerz weiter, „die Attentat­e und Angriffe, die nach wie vor im Land herrschen, machen Afghanistan nach wie vor zu keinem sicheren Lebensort.“
Straftäter?
Und was ist mit den sogenannten Gefährdern? Die Straftäter, die aus gutem Grund abgeschoben werden sollen? „Amnesty beobachtet die Lage nun schon eine ganze Weile“, erklärt Gerz. „Und als Straftäter gelten oft auch einfach nur Schwarzfahrer.“
Die Politik macht – meint Gerz – ihre eigenen Gesetze und jeder Bürger sich sein eigenes Bild. Am Ende rät der Menschenrechtler jedem af­ghanischen und auch deutschem Bürger, der Familien oder Einzelpersonen in Notsituationen mit Angst auf Abschiebung kennt: „Nehmen Sie die Situation ernst, ohne in Panik zu verfallen, denn auch wenn die Mehrheit der hier lebenden Menschen nicht davon betroffen ist, sollte es unser aller Anliegen sein, jedem Einzelnen einen sicheren Lebensraum zu bieten.“