Besuch aus Brasilien

Gevelsberg. (je) Rund 90 Jahre ist es her, dass die Situation in Deutschland und auch in unserer Region für viele Menschen unerträglich war. Sie konnten kaum den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien verdienen. Kein Wunder, dass viele daher ihre einzige Hoffnung in der Auswanderung in die Fremde sahen. Heute würde man sagen: es waren „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Nach Brasilien

Und so kam es auch, dass am 7. Februar 1924 etwa 180 Gevelsberger am damaligen Nordbahnhof standen, ihre wenigen Habseligkeiten in Händen, um den Zug nach Hamburg zu nehmen und von dort in die Welt zu ziehen. Unter dieser großen Gruppe befanden sich auch die Brüder Otto und Fritz Jung, ältester und jüngster Bruder von insgesamt zehn Geschwistern. Die beiden jungen Männer zog es in eines der damals wirtschaftlich verlockendsten Länder: nach Brasilien.

In den Urwald

Nach langer Reise schließlich in Brasilien angekommen, kamen die beiden Gevelsberger zunächst auch in ein sogenanntes „Emigrationslager“ und wurden von dort etwa 800 Kilometer in den Urwald gebracht, wo sie mit anderen Auswanderern in dem kleinen Ort Indiana begonnen, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Fritz zog nach einigen Jahren in die Millionenmetropole São Paulo, wo er viele Jahre für den deutschen Automobilhersteller DKW arbeitete, heiratete und eine Familie gründete.

Unerkannt

Als Brasilien 1942 auf Seiten der USA in den Zweiten Weltkrieges einstieg, versuchten die Deutschen, möglichst unauffällig zu bleiben, sich anzupassen. Zu dieser Zeit wurden auch die deutschen Schulen geschlossen, sodass die Kinder fortan nur noch mit der in Brasilien gesprochenen portugiesischen Sprache aufwuchsen.

Kontakt gehalten

Dennoch brach der Kontakt zwischen den Familienteilen beiderseits des Ozeans nie ab, es gab einen regelmäßigen Briefwechsel zwischen São Paulo und Gevelsberg. 1974 war es dann auch schließlich soweit, dass sich Horst-Albert Jung auf den Weg machte, seinen Onkel Fritz im fernen Südamerika zu besuchen. Damals war so eine Reise noch ein großes Abenteuer, bis heute sollten aber dennoch neun weitere Reisen über den Atlantik folgen.

Gegenbesuch

Und nun, über 91 Jahre nach der Auswanderung der Brüder Jung, ist es erstmals zu einem Gegenbesuch aus Brasilien gekommen. Marta Schnyder, die Enkelin von Fritz Jung, ihre Tochter Raquel und ihre Nichte Amanda machten sich im August auf den Weg, um einen Monat lang die Heimat ihrer Vorfahren zu erkunden.

Rundreise

Von Horst-Albert Jung perfekt durchorganisiert unternahmen die drei Frauen unter anderem Ausflüge an die Nordseeküste, ins Auswanderermuseum nach Bremerhaven, an die Mosel, nach Amsterdam und zum Shopping nach Düsseldorf. Denn Deutschland ist für Brasilianer ein wahres Einkaufsparadies, sind die Preise hier – trotz deutlich höherer Einkommen – vielfach spürbar niedriger.

Und ein Programmpunkt durfte in den Reiseplänen natürlich auch nicht fehlen: ein Besuch beim umtriebigen Gevelsberger Bürgermeister Claus Jacobi. In Begleitung ihres Verwandten Horst-Albert Jung und der in Schwelm lebenden Portugiesin Mariana de Costa, die als Dolmetscherin fungierte, traf man sich also am vergangenen Dienstag auf ein leckeres Stück Pflaumenkuchen und einen netten Plausch im hiesigen Rathaus.

Überall Bratwurst

Auf die Frage, was den Besucherinnen aus Brasilien denn an Deutschland besonders aufgefallen sei, gab es unter Schmunzeln eine Antwort, die man von so vielen Reisenden hört: „Bratwurst, überall gibt es Bratwurst.“ Außerdem lobten sie die schönen, sauberen und grünen Innenstädte und das vorbildliche Verhalten der Deutschen im Straßenverkehr – typisch deutsche Tugenden eben.

„Dieser Besuch ist ein schönes Zeichen in einer Zeit, in der viele Flüchtlinge zu uns kommen“, stellte Claus Jacobi zum Abschied fest. Und Horst-Albert Jung ergänzte: „Wir sollten nie vergessen, dass in der Geschichte auch Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen mussten, weil es ihnen hier schlecht ging.“