Dr. Walter Kühnert verabschiedet

Gevelsberg/EN-Kreis. (zico) „The times they are a changin“ – der Titel des berühmten Songs von Bob Dylan diente Volkshochschulleiter Achim Battenberg als treffendes Motto für den Wandel, den Dr. Walter Kühnert in 33 Jahren Volkshochschule Ennepe-Ruhr-Süd nicht nur erlebt, sondern vor allem maßgeblich mitgeprägt hat. Vor wenigen Tagen wurde der seit 16 Jahren als stellvertretende VHS-Direktor fungierende Kühnert in feierlichem Rahmen im VHS-Gebäude in Gevelsberg von VHS-Mitarbeitern und langjährigen Weggefährten verabschiedet.

Abschied mit lachendem und weinendem Auge: (von links) Dr. Walter Kühnert, VHS-Verbandsvorsteher Claus Jacobi und VHS-Direktor Achim Battenberg. (Foto: Stefan Scheler)

„Zwei Seelen wohne, ach, in meiner Brust. Und heute gibt es zwei Beweggründe: Sich mit Ihnen zu freuen auf Ihre neue Lebensphase, die Sie mit Ihrem Entschluss, Altersteilzeit im Blockmodell zu beantragen und selbstbestimmt der VHS adieu zu sagen, selbst eingeleitet und herbei geführt haben. Und auf der anderen Seite auch ein wenig traurig zu sein, einen solch wertvollen und kompetenten Mitarbeiter zu verlieren, der für die Volkshochschule Ennepe-Ruhr-Süd in 33 Jahren viel erreicht und umgesetzt hat“, sagte Gevelsbergs Bürgermeister Claus Jacobi, auch VHS-Verbandsvorsteher, in einleitenden Worten.

Dr. Kühnert wurde am 8. August 1949 geboren – im Jahr der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Er besuchte die Grundschule und das Gymnasium in Kassel, machte auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung 1968 sein Abitur und begann danach in Marburg, Germanistik und Philosophie zu studieren. 1982 erhielt er den akademischen Grad „Doktor der Philosophie“ mit der Note „magna cum laude“.

Erste Kontakte zur VHS knüpfte Dr. Kühnert bereits 1977. Er unterrichtete an der Wallendorf-Schule Oberhausen in Kursen das Fach „Deutsch als Fremdsprachen“ mit Spätaussiedlern und arbeitete an der VHS Oberhausen als Dozent im Fach Deutsch. Am 28. Mai 1979 bewarb sich Dr. Kühnert als Fachbereichsleiter an der Volkshochschule Ennepe-Ruhr-Süd für die Fachbereiche Sprachen und Musik.

In seinem ausführlichen dreiseitigen Bewerbungsanschreiben heißt es: „Aufgrund der im folgenden kurz skizzierten Qualifikationen und Erfahrungen glaube ich, dass ich den mit dieser Position verbundenen pädagogischen, wissenschaftlichen und organisatorischen Aufgaben gerecht werden kann.“

Kühnert hat seinen Worten in den Jahren danach Taten folgen lassen. Er gab darüber hinaus entscheidende Impulse und prägte den Wandel der VHS mit. Sein Der Fachbereich Sprachen war und ist, wie bei vielen anderen Volkshochschulen auch, der größte Fachbereich der heimischen Volkshochschule. Dr. Kühnert hat den Fachbereich immer souverän und erfolgreich, mit großem Sachverstand, über 33 Jahre geleitet. Der Fachbereich Sprachen ist mit über 6.000 Unterrichtsstunden eine der Konstanten der VHS. Bis zuletzt hat Dr. Kühnert mit großem Engagement und einem Höchstmaß an Sensibilität dafür gesorgt, diesen Sprachenbereich zu einem Prunkstück der Volkshochschule zu machen. Weder Achim Battenberg noch seiner Vorgängerin Dr. Margret Korn trieb dieser Bereich jemals Sorgenfalten auf die Stirn.

Vom Wandel unterworfen war auch das zweite Standbein von Dr. Kühnert, der Fachbereich Kunst und Kulturelles Gestalten. 1979 hieß der Bereich noch rein „Musik“, und Dr. Kühnert war sozusagen Gevelsberger Musikschulleiter. „Mit Musik habe ich mich vor allem in meiner Freizeit beschäftigt. In klassischer und populärer Musik habe ich praktische Erfahrungen gesammelt: als Posaunist und Gitarrist habe ich in einem Amateurorchester, einem Posaunenchor und mehreren Gruppen für Jazz, Rock und Folklore musiziert. Dazu kommen theoretische Kenntnisse in Musikgeschichte und Harmonielehre“, schrieb der scheidende „Vize-Direktor“ schon in seiner Bewerbung.

Die VHS musste ihre musikalischen Ambitionen später an die neu gegründete Musikschule der Stadt Gevelsberg abgeben. Aus dem Fachbereich Musik wurde der Fachbereich Kunst und Kultur/ Kreatives Gestalten. Aber auch dies kam den Interessen und Kompetenzen von Dr. Kühnert entgegen. Insbesondere die zweite große Leidenschaft, die Kunst und die Malerei, führten schon bald zu vielen interessanten Führungen und Vorträgen der VHS über die Worpsweder Schule, über Paula Modersohn-Becker, über das Bauhaus, Paul Cezanne, Claude Monet, Emil Nolde und aktuell zu Edvard Munch. Aber auch Seminare zum Umgang mit dem damals neuen Medium Videokamera oder Seminare zum Bürgerfunk, ein Film-Gesprächskreis oder ein Musical-Projekt zu „Starlight Express“ zeigen die Vielseitigkeit von Dr. Kühnert.

In den letzten acht Jahren kamen immer mehr Kurse und Lehrgänge im Integrationsbereich hinzu. Dies hängt auch unmittelbar mit Dr. Kühnert zusammen, der hier viel Aufbauarbeit leistete.

Dr. Kühnert hat das Erscheinungsbild der heutigen Volkshochschule maßgeblich geprägt. Seit 1996 war er stellvertretender Direktor der Volkshochschule und von 2005 bis 2008 überdies Sprecher der Volkshochschulen im Regierungsbezirk Arnsberg und als solcher auch im Vorstand des Landesverbandes der Volkshochschulen NRW vertreten.

„Wir sind traurig, Sie zu verlieren, und deswegen haben wir heute auch ein weinendes Auge“, schloss das Stadtoberhaupt seine Hommage ab. Mit Dr. Walter Kühnert verläßt ein Mann die VHS, der stets für die klassischen Bereiche der Bildungseinrichtung stand, während sich Achim Battenberg verstärkt den Aufbau der beruflichen Bildung und den Drittmittelbereich vorantrieb.

Doch, und darüber freute sich nicht nur der VHS-Leiter – niemals geht man so ganz. Dr. Kühnert wird im November die Reflexionstage der VHS moderieren, Vorträge und Veranstaltungen an der VHS halten und auch das erste Vorwort im neuen VHS-Programmheft schreiben.

Als Geschenk erhielt Dr. Kühnert aus der VHS-Leiterrunde ein Sopran-Saxophon sowie den Auftritt des renommierten Jazz-Duos Roman und Julian Wasserfuhr, die bei der Verabschiedung für den musikalischen Rahmen sorgten. Claus Jacobi überreichte dem scheidenden „Vize“, der sich bei allen Kollegen und Mitstreitern für die gute Zusammenarbeit über die mehr als drei Jahrzehnte bedankte, Bücher über das Ruhrgebiet sowie eine Gevelsberg-Uhr, die in limitierter Auflage zum 125-jährigen Stadtjubiläum aufgelegt worden war.