Ein echtes Mammutprojekt – Franz Wüstenberg präsentiert „The Merchant“

[1/3] Die Zeit steht still

[1/3] Die Zeit steht still, es darf nichts verändert werden. Doch was passiert, wenn einer auftaucht, der alles verändert? Diese Geschichte erzählt der 27-jährige Franz Wüstenberg in seinem Kurzfilm „The Merchant“. Das post-apokalyptische Flair des Films

Gevelsberg. (saz) Erstens: Die Zeit steht still. Zweitens: Du darfst nichts verändern. Das sind die Grundsätze, nach denen eine Gruppe Menschen in einer post-apokalyptischen Welt lebt. Einer Welt nach der Gesellschaft, wie wir sie kennen. Denn wenn die Zeit stehen geblieben ist, dann kann auch Veränderung nicht mehr existieren. Doch was passiert, wenn einer auftaucht und alles verändert?
Dieser Frage ging Franz Wüstenberg – in Gevelsberg und Umgebung auch bekannt als Sean O‘Reilly, Frontmann der Gevelsberger Irish-Folk-Punk-Band „The O‘Reillys and the Paddyhats“ – im Jahre 2014 nach. Damals studierte er Musik und Medien an der ­Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. Für eine Modul-Abschlussarbeit im Bereich „Audiovisuelle Gestaltung“ musste er ein Filmprojekt durchführen.
„Ich hatte mich vorher schon für zwei kurze Szenen für ein Seminar mit Film und Dreh auseinandergesetzt“, sagt der heute 27-Jährige. „Bei meinen Kommilitonen waren die gut angekommen. Und wenn die Leute einem sagen ‚Das hast du gut gemacht‘, da will man dann mehr dran arbeiten.“
Endzeitliche Szenerie mitten in Deutschland
Zu dieser Zeit pendelte er regelmäßig mit dem Zug zwischen seiner Heimatstadt Gevelsberg und seinem Studienort. Dabei fuhr er unter anderem auch am ehemaligen Glasmacher-Gelände in Düsseldorf-Gerresheim ­vorbei. „Ich war auf der Suche nach einer Location für das, was ich machen wollte, wusste aber eigentlich noch gar nicht genau, was ich überhaupt machen wollte“, erklärt er. „Und dann sah ich das Gelände und dachte mir, das sieht so Endzeit-mäßig aus, da könnte man doch was machen.“
Ein Vorteil: Das Gelände, auf dem noch ein paar Häuser aus der Jahrhundertwende um 1900 standen, sah eben nicht typisch deutsch oder typisch amerikanisch aus. So konnte Wüstenberg eine vollkommen neue Welt schreiben.
Der Händler, der alles veränderte
Und so entwickelte sich die Idee zu seinem Kurzfilm „The Merchant“ – ein Projekt, welches größere Ausmaße als zunächst gedacht annahm. Theoretisch hätten ein paar gefilmte Minuten mit netten Einstellungen zum Bestehen gereicht, aber: „Ich habe einen leichten Hang zum Größenwahn“, scherzt Wüstenberg.
Es entwickelte sich eine Idee in seinem Kopf, die er direkt zu Papier brachte. Doch der Fantasie waren Grenzen gesetzt, wie er sagt: „Man kann beispielsweise nicht sagen, dass da ein kaputtes Auto entlangfährt, denn dann braucht man natürlich auch ein ­kaputtes Auto.“
Doch trotz solcher Restriktionen hatte Wüstenberg, der sich selbst im Filmischen als Autodidakt bezeichnet, bald eine Story, die er erzählen wollte. Der Film spielt in einer apokalyptischen Welt. Es geht um eine Gruppe Menschen, die sich von der Außenwelt isoliert und sich die Welt sozusagen neu zusammengebastelt hat. Es gibt einen Priester, der ihnen erzählt, wie die Welt nun zu funktionieren hat. Der Glaube: Die Zeit ist stehen geblieben und damit müssen die Menschen nun leben. Das wichtigste: Wenn die Zeit stehen geblieben ist, dann gibt es keine Veränderung mehr. Dementsprechend darf auch nichts mehr verändert werden. Der Konflikt beginnt, als ein fahrender Händler mit seinem Karren stecken bleibt und das fragile Weltkonstrukt außer Balance bringt.
Nur wenig Zeit
Am Ende umfasste das Drehbuch 30 Seiten, was auch ungefähr 30 Minuten Filmzeit entspricht. „In Hollywood sagt man, man dreht so eine Minute am Tag“, erklärt Wüstenberg. Was ihn vor ein großes Problem stellte. Während er das Drehbuch schrieb, musste er sich auch gleichzeitig um die Drehgenehmigung für das Glasmachergelände in Gerresheim kümmern. Dabei erfuhr er, dass dort schon bald die Bagger anrollen sollten, um die letzten Gebäude abzureißen. Da war ein Monat Drehzeit keine Option.
Zumal dem jungen Studenten auch noch Schauspieler, Equipment und in vielen Dingen auch noch das Know-How fehlte. „Da habe ich angefangen, rumzutelefonieren und meine Professoren um Hilfe zu bitten“, erinnert sich der heute 27-Jährige.
Dann kam eines zum ­­ande­ren. Er fand einen Kameramann, der gerade sein Diplom in Kamera­arbeit machte, sich dem Projekt anschloss und zudem sein umfangreiches Equipment zur Verfügung stellte. Mit Sophia Müller-Bienek, Lars Dickel und Marcel André Heizmann holte er sich zudem auch noch professionelle Schauspieler an Bord, die gerade die Schauspielschule abgeschlossen hatten. Als Sprecher konnte Ekkehardt Belle gewonnen werden, der in Deutschland unter anderem als die Stimme des „Sprechenden Hutes“ aus „Harry Potter“ oder als Synchronstimme von Steven Seagal bekannt ist. Insgesamt waren im Endeffekt gut 70 Personen an der Produktion beteiligt.
Sechs Tage lang wurde im Juli 2014 bei hochsommerlichen Temperaturen auf dem ehemaligen Glasmacher-Gelände gedreht, inklusive Pannen wie Generator-Ausfällen. Von den Dreharbeiten berichtete damals auch die Aktuelle Stunde im WDR. Hinterher musste im Studio alles noch einmal neu vertont, der Schnitt erledigt und die gesamte Postproduktion über die Bühne gebracht ­werden.
Ein echtes Mammutprojekt
Wirklich fertig geworden ist die komplette Produktion von „The Merchant“ erst jetzt. „Dadurch, dass alle ehrenamtlich mitgemacht haben, konnte ich natürlich nicht so viel Druck machen“, erklärt der Regie-Neuling. „Aber ich wollte ihn unbedingt für alle Beteiligten fertigstellen.“
Wie sieht es denn bei Franz Wüstenberg mit zukünftigen Hollywood-Ambitionen aus? „Ich weiß jetzt, was das für ein Aufwand ist, bis man die Produktion fertig hat“, sagt Wüstenberg. „Aber wer weiß, wenn der Film auf den Festivals erfolgreich ist, mache ich vielleicht noch mal etwas. Aber nach ‚The Merchant‘ brauche ich erst einmal eine Pause bis zum nächsten Film. Das war auch ein echtes Mammutprojekt.“
Lust hätte er aber schon, mal wieder eine Geschichte zu erzählen. Zunächst aber zehrt er von den Erfahrungen, die er bei seinem Film-Debüt gesammelt hat. So konnte er viel Erlerntes beispielsweise beim Dreh vom Paddyhat-Video zu ­„Barrels of Whiskey“ im Hagener Freilichtmuseum anwenden.
Kinopremiere in Schwelm
Bevor „The Merchant“ auf die Festivals geht und irgendwann mal im Internet erscheint, gibt es erst einmal eine Kinopremiere nahe der Heimat. Am Sonntag, 15. Oktober, flimmert der Endzeitkurzfilm im Kino-Center Schwelm, Wilhelmstraße 21, über die Leinwand. Dazu wird es auch ein „Making of“ zu sehen geben. Los geht es um 20 Uhr. Wer sich Wüstenbergs Film-Debüt im Endzeit-Flair anschauen möchte, sollte sich beim Ticketkauf beeilen, denn die Plätze für die Premiere sind auf 200 begrenzt. Karten gibt es für sechs Euro bei Radio Meckel in Gevelsberg, Mittelstraße 34, im Kino-Center Schwelm, Wilhelmstraße 21, oder per E-Mail unter themerchantfilm@gmail.com. Einen Vorgeschmack gibt es unter www.facebook.com/themerchantfilm.