EN-Piraten wollen zurück auf Erfolgskurs

Ennepetal. (zico) Wieviel Idealismus verträgt Politik? Diese Frage mögen sich seit einiger Zeit die Mitglieder der Piratenpartei stellen, die zunächst auf einer Erfolgswelle schwammen, um dann an einer gefährlichen Klippe namens Ehrlichkeit in Turbulenzen zu geraten. Schnell war die Euphorie um die Piraten verebbt, nachdem man im günstigen Wind der Jahre 2011 und 2012 die Parlamente in vier Bundesländern, darunter auch NRW, geentert hatte.

Vor wenigen Tagen haben die Piraten NRW einen neuen Landesvorstand gewählt. Zur stellvertretenden Vorsitzenden kürten die Mitglieder die 28-jährige Ennepetalerin Maja Tiegs, die für frischen Wind in den Piratensegeln sorgen möchte. Der wochenkurier befragte die Groß- und Außenhandels-Kauffrau zu ihren Ansichten und Zielen.

wochenkurier: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt, Frau Tiegs. Allerdings sind die großen Zeiten der Piraten wohl schon vorbei – oder wie erklären Sie sich die zuletzt eher schmalen Wahlergebnisse?

Maja Tiegs: Man hat es unserer Partei nach den Erfolgen 2012 übel genommen, dass wir zunächst nicht auf alle Fragen Antworten hatten und dies auch ehrlich eingeräumt haben. Zeitweise sind wir auch von unserem Erfolg überwältigt worden, waren auf Vieles nicht vorbereitet. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Wir sind eine Partei mit einem über 50 Seiten starken Vollprogramm!

Wie sind Sie selbst zu den Piraten gekommen?

Ich bin im Zuge von Demonstrationen gegen das Anti-Counterfeiting Trade Agreement, kurz ACTA (deutsch Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen, „Anti-Piraterie-Abkommen“) im Jahre 2012 zu den Piraten gekommen. Diese Demonstrationen hatten letztlich auch Erfolg; es ging letztlich darum, dass Leute, die zum Beispiel Musikdateien aus dem Netz herunter laden, nicht kriminalisiert werden. Ich habe mich dann zum Büro- beziehungsweise Verwaltungspiraten im EN-Kreis wählen lassen, wurde 2013 Bundestagskandidatin der Pirtaten für den Südkreis und im gleichen Jahr Beisitzerin im Landesvorstand. Im Kreisausschuss für Kultur, Sport und Freizeit bin ich als sachkundige Bürgerin tätig.

Was ist ihre persönliche Antriebsfeder, sich politisch zu engagieren?

Ich interessiere mich vor allem für Sozialpolitik. Das Beispiel meiner Mutter hat mir zu denken gegeben. Sie hat vier Kinder groß gezogen, um letztlich von Altersarmut betroffen zu sein. Der gesellschaftliche Arbeitsbegriff ist dringend korrekturbedürftig, wenn eine solche Lebensleistung nicht auch materiell gebührend anerkannt wird. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger, unabhängig von der Erwerbstätigkeit, wäre ein Schritt, um diesen Missstand aufzuheben.

Was möchten Sie in Ihrer neuen Funktion voranbringen?

Zunächst einmal macht es mir Spaß, den Laden am Laufen zu halten. Ich habe in meiner bisherigen Arbeit bereits viele spannende Menschen kennengelernt und empfinde dies als bereichernd. Den nötigen Idealismus für diese ehrenamtliche Aufgabe habe ich. Ich möchte dazu beitragen, dass neue Mitglieder bei den Piraten anheuern; im moment kommen ja nicht so viele dazu.

Wie wollen Sie das erreichen?

Ich möchte die Leute ermuntern, sich mit uns auseinanderzusetzen. Dies kann man zum Beispiel auf unserer selbstironisch benannten Internetseite www.keinprogramm.de tun, oder auch bei unseren Treffen an jedem ersten Donnerstag eines Monats um 19 Uhr im Gevelsberger „Uhlenspiegel“.

Was ist denn das besondere an den Piraten?

Wir möchten zum Beispiel die Bürgerrechte im Internet verteidigen und zeigen Wege auf, wie die Digitalisierung der Gesellschaft politisch zu begleiten ist. Aussagen, wonach das Internet ,für uns alle Neuland‘ sei, sollen die Menschen doch nur für dumm verkaufen. Bei uns kann sich jeder gleichberechtigt politisch betätigen; wir sind basisdemokratisch und transparent. Dies möchten wir auch auf die parlamentarische Ebene übertragen und fordern beispielsweise Live-Übertragungen und Aufzeichnungen von den Ratssitzungen, damit sich jeder unverfälscht informieren kann.