Erstaufnahme in Gevelsberger Autohaus

Gevelsberg. (je) „Vor zehn Monaten hatten wir in Gevelsberg die Losung ausgegeben, die Unterbringung in Massenunterkünften so lange wie möglich zu vermeiden. Leider wird dies künftig nicht mehr möglich sein“, erklärte Claus Jacobi am vergangenen Dienstag. Das Gevelsberger Stadtoberhaupt hatte für den Termin im ehemaligen Autohaus extra seinen Urlaub unterbrochen.

Am Sinnerhoop, kurz hinter dem Kleinbahnhaltepunkt Poeten, wurden bis Ende 2014 Autos verkauft. Seitdem steht das weitläufige Gebäudeareal leer. Nun wurde es von der Stadt Gevelsberg angemietet, um hier künftig Menschen aufzunehmen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Die Kapazitäten teilen sich dabei der Ennepe-Ruhr-Kreis für eine Erstaufnahme und Notunterkunft sowie die Stadt Gevelsberg für ein „kommunales Drehkreuz“.

Erstaufnahme

Täglich kommen neue Flüchtlinge in Bayern über die Grenze nach Deutschland. Dort werden sie in einem „Ankunftszentrum“ kurz registriert und schnell medizinisch untersucht, um anschließend in Busse oder Züge gesetzt und in Erstaufnahmeeinrichtungen irgendwo im Bundesgebiet gebracht zu werden. Eine solche Einrichtung entsteht nun auch im Auftrag des Ennepe-Ruhr-Kreises in Gevelsberg.

Das ehemalige Autohaus „van Eupen“ am Sinnerhoop steht seit Ende 2014 leer. Nun wird das Gebäude in eine Aufnahmeeinrichtung und Notunterkunft umgewandelt. (Foto: Jan Eckhoff)
Das ehemalige Autohaus „van Eupen“ am Sinnerhoop steht seit Ende 2014 leer. Nun wird das Gebäude in eine Aufnahmeeinrichtung und Notunterkunft umgewandelt. (Foto: Jan Eckhoff)

„Mit Glück wissen wir wenigstens, wie viele Menschen mit den Bussen kommen, aber oft selbst das nicht. Zu Gesundheitszustand, Herkunft, Alter oder Geschlecht haben wir keinerlei Infos, bis die Busse bei uns sind“, erläutert Astrid Hinterthür von der Kreisverwaltung. Daher schaut zunächst ein Sanitäter nach Notfällen. Hinterthür: „Wir hatten sogar schon akute Schusswunden.“

Anschließend kommen die Flüchtlinge in eine Halle, bekommen etwas zu trinken und die Gelegenheit zum Toilettenbesuch. Schließlich erfolgt eine ärztliche Untersuchung, für die etwa fünf bis zehn Mediziner vor Ort sein müssen. Auf die Untersuchung folgt eine Registrierung der Personen durch Verwaltungspersonal des Kreises, schließlich dann eine Zuweisung in Notunterkünfte, in die es nun mit Bussen weitergeht. Derzeit befinden sich solche Notunterkünfte in Sprockhövel und Ennepetal – und jetzt mit 147 Schlafplätzen auch direkt an der neuen Erstaufnahme in Gevelsberg.

Notunterkunft

Bei der Zuweisung zu einer Notunterkunft haben die aufgenommenen Flüchtlinge noch keinerlei Status, das Asylverfahren hat also noch nicht begonnen. Dazu werden die Menschen nun erst in kleinen Gruppen zur zentralen Registrierungsstelle in Dortmund gebracht und erst danach entsprechend einem bestimmten Verteilschlüssel auf die Gemeinden und Kreise verteilt. Bis zu diesem Punkt müssen sie in den Notunterkünften verbleiben, was mitunter Wochen dauern kann.

Auch von den ehemaligen Werkstätten, in denen ebenfalls Geflüchtete untergebracht werden sollen, machten sich die Mitarbeiter von Politik und Verwaltung ein Bild. (Foto: Jan Eckhoff)
Auch von den ehemaligen Werkstätten, in denen ebenfalls Geflüchtete untergebracht werden sollen, machten sich die Mitarbeiter von Politik und Verwaltung ein Bild. (Foto: Jan Eckhoff)

Die 147 Schlafplätze in der Unterkunft werden der Stadt Gevelsberg aber dennoch auf die „Flüchtlingsquote“, sprich die Zahl der Pflichtaufnahmen angerechnet, was für ein kleines zeitliches Puffer bei der Suche nach geeignetem Wohnraum hilft. Die Kosten werden sämtlich vom Land NRW übernommen.

Drehkreuz

Und dann kommt der wirklich schwierige Teil, die menschwürdige Unterbringung und Integration in das alltägliche Leben. „Unser Anspruch ist es, gute Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Aber die Kapazitäten sind fast erschöpft“, betont Claus Jacobi. „Wir sind dankbar für den bislang zur Verfügung gestellten privaten Wohnraum, denn nur so kann eine Integration gelingen.“ Derzeit wurden in der Stadt 40 Wohnungen von privaten Eigentümern freiwillig zur Verfügung gestellt, 24 weitere Wohnungen hat die Stadt angemietet, dazu kommen sechs städtische Übergangsheime. Insgesamt leben momentan 370 Flüchtlinge in Gevelsberg.

Da sich die Stadt zumindest mittelfristig auf eine weiterhin steigende Zahl an Aufnahmen einstellt, wird weiterhin dringend nach Wohnraum gesucht. Für den absoluten Notfall hat die Stadt nun aber ebenfalls auf dem Gelände am Sinnerhoop 64 weitere Schlafplätze für zugewiesene Flüchtlinge geschaffen, eine Art „kommunales Drehkreuz“, bis besserer Wohnraum auf dem Stadtgebiet gefunden wurde. Die Menschen wohnen hier in kleinen, mit Bauzaun und Planen von einander getrennten Parzellen, jeweils drei bis sechs Personen auf wenigen Quadratmetern.

Jacobi: „Es ist ein großer Kraftakt für den Kreis und die Städte, über einen langen Zeitraum hinweg menschwürdige Zustände zu schaffen und zu halten. Je schwieriger die Situation, desto besser funktioniert zwar die Zusammenarbeit zwischen den Verwaltungen im Kreis – doch wir sind weiterhin auf die Bevölkerung insbesondere bei der Suche nach Wohnraum angewiesen.“