Fuchs bremst Schreihälse

Marie, Anais, Jana, Tom-Luca und Leon (von links) üben mit Erzieherin Anna Matuschek das Ruhe stiftende „Fuchszeichen“. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) Erzieherin Anna Matuschek bildet mit der Hand einen Fuchskopf – Symbol für „Ohren auf und Mund halten“. Die ihr anvertrauten kleinen Racker im Städtischen Kindergarten an der Gevelsberger Habichtstraße fahren augenblicklich ihre Lautstärke zurück. „Das ist immer dann wichtig, wenn wir zusammen essen, jüngere Kinder schlafen wollen oder bei gemeinsamen Spielen“, erklärt Kindergartenleiterin Gaby Talarczyk-Beckel den Sinn der Geste: „Dabei lernen die Dötze so ganz nebenbei, dass man im sozialen Miteinander gewisse Regeln einhalten muss.“

Vor dem Hintergrund einer teilweise hitzigen Debatte um eine Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes betont die Pädagogin jedoch, dass es eine absolute Stillhaltepflicht für die Kleinen nicht geben kann und darf. „Lärm in erträglichen Grenzen gehört zu einer gesunden Entwicklung der Kinder dazu“, gibt sie zu bedenken: „Schließlich entwickeln die Kinder mit dem ihnen eigenen Temperament eine Kontaktfähigkeit, die auch im späteren Privat- und Berufsleben äußerst wichtig ist.“ Der damit verbundene Geräuschpegel sei im Zusammenhang mit der jeweiligen Spielsituation zu sehen und herrsche durchaus nicht die ganze Zeit vor.

Wenn Polizist Karsten Linke vom Schichtdienst nach Hause kommt, wirft ihn das bisschen Kinderlärm auch nicht aus dem Bett. (Foto: Stefan Scheler)

Das finden auch die Nachbarn der Einrichtung, die 90 Kindern tagsüber ein behütetes Umfeld bietet. Zwölf Erzieherinnen sorgen sich um das körperliche und seelische Wohl der ihnen anvertrauten Zwei- bis Sechsjährigen. „Einmal beschwerte sich ein Veranstaltungsmanager, der nach einer langen Nacht seine Ruhe haben wollte“, erinnert sich Gaby Talarczyk-Beckel: „Da war aber der Kindergarten in seiner eigentlichen Funktion gar nicht betroffen, weil eine Feier der Eltern mit ihrem Nachwuchs stattgefunden hatte.“ Zwar liegt der Hort in einer Bodensenke mit Schalltrichter-Effekt, aber im hinteren Bereich der Habichtstraße ist die Wohnbebauung ohnehin nicht so dicht. „Ich habe damit kein Problem“, versichert eine Rentnerin aus der Elsternstraße: „Im Gegenteil: Ich finde die Kinderstimmchen süß und begrüße die geplante Gesetzesnovelle.“ Das sieht auch der in der Habichtstraße wohnende 21-jährige Jonas Schäfer so, der – wie auch seine Eltern – den Kindergarten nie als „Immissionsquelle“ empfunden hat. „Man hört die Kinder sowieso nur, wenn sie draußen sind“, versteht der Student der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung die ganze Aufregung nicht: „Und auch dann wirken sie für uns nicht störend.“

Ein anderer Anwohner – sozusagen beruflicher „Ruhestörungsexperte“ – kann ebenfalls keine Belästigung erkennen. „Die manchmal etwas lautere Geräuschkulisse ist mir kein Dorn im Auge“, meint Polizeibeamter Karsten Linke: „Kinderlachen oder bisweilen auch -lärmen gehören zum Leben einer Gesellschaft.“

Das nimmt dem Argument, Schichtdienst Leistende seien als Nachbarn von Kindertagesstätten besonders strapaziert, einiges von seiner Überzeugungskraft. Vielleicht gilt ja hier wie überall im Leben: Aufeinander Rücksicht nehmen und ab und zu mal miteinander sprechen verhindert meist, dass scheinbar unvereinbare Auffassungen zum Dauerstreit eskalieren. Keine Lösung kann nach Ansicht von Gaby Talarczyk-Beckel der Umzug von Kindertageseinrichtungen auf die „grüne Wiese“ sein. „Wenn wir aus dem Wohngebiet weg müssten, wären nicht automobile Eltern schwer benachteiligt“, gibt die Kindergartenleiterin zu bedenken: „Das würde unseren Auftrag als Bildungseinrichtung für alle Kinder dieses Viertels in unannehmbarer Weise unterlaufen.“